Aegypten

Das Ziel sollte bekannt sein. Mehr ist inmitten des Verkehrsgewühls von Kairo nicht nötig. Ampeln und Regeln, Radar und Ordnung, solchen Luxus kennt der Straßenverkehr in der größten Stadt der arabischen Welt nicht. Gesetzesparagraphen werden hier bestenfalls als Vorschläge verstanden. Und niemandem kommt es in den Sinn, auf persönliche Freiräume zu pochen. Die eigene Fahrspur, der geregelte Sicherheitsabstand, das Recht auf Vorfahrt … Said, unserem Buschauffeur, sind diese seltsamen europäischen Ansprüche zwar vertraut. Aber in Kairo, wo die endlose Rush-hour nur durch den Freitag unterbrochen wird, den traditionellen Tag der Sammlung und Versammlung, müssen Ägyptenreisende umdenken. Saids Intuition vertrauen. Schicksalsergebenheit üben.

Inschallah, so Gott will, werden wir wohlbehalten ankommen.

Unser Ziel liegt knapp 50 Kilometer nordöstlich der Millionenmetropole: die SEKEM-Farm, ein kleines, inzwischen weltbekanntes Wunder biologisch-dynamischer Landwirtschaft, das 1977 mitten in der Wüste entstand und beweist, dass nachhaltiger Humusaufbau in großem Stil auch unter extremsten Bedingungen möglich ist. Von dieser Grün-Oase aus werden wir Ägypten erkunden, diesen so vielschichtigen afrikanischen Staat, der seinen Weg zwischen alter Hochkultur und modernem Fatalismus, zwischen kulturellem Reichtum und geistiger Armut immer noch sucht.

Der Stadtverkehr in Kairo widerspiegelt das ägyptische Gemüt. Es erkämpft sich nichts, ist nicht stur und starr und egoistisch. Es träumt sich in die Welt hinein und überlässt die Fäden dem, der alles führt. Gibt es eine Zukunft für dieses Gemüt? Ist es verborgenen Qualitäten verbunden, die es hinan zu alter Höhe treiben werden, sobald ein Weckruf tönt? Oder führt sein Weg halt- und hoffnungslos in Richtung Untergang?

50 Prozent der knapp 90 Millionen Ägypter sind Analphabeten, das Bildungssystem funktioniert nicht. Desinteresse, Unfähigkeit, Korruption. Etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Landes lebt im Großraum von Kairo, dieser lauten, vibrierenden, unersättlichen Stadt, die sich immer weiter hinaus in die Wüste frisst. Mit Bauschutt- und Müllbergen, die den Sanddünen der Wüste nachempfunden scheinen. Mit uferlosen neuen Siedlungen, Zehntausenden Wohnungen. Viele der mehrstöckigen Häuser sind bedenkenlos auf Schutthalden errichtet. Endlose Anlagen stehen leer. Werden hier jemals Menschen wohnen? Oder ist, der akuten Wohnungsnot zum Trotz, eine Immobilienblase geplatzt – Wohnungen als Wertanlagen, die Kairos Mittelstand schließlich doch nicht brauchen konnte?

Kairo

Wie viele Menschen hoffen auf ein besseres Leben in dieser Stadt? Niemand weiß es genau. In Ägypten gibt es keine Meldepflicht. Sicher ist nur: Die Straßen Kairos werden breiter, die Brücken zahlreicher, die Luft zum Atmen und der Raum zum Leben kostbarer. Die Elendsviertel wachsen. Die Menschen hausen überall, sogar in alten Grabanlagen. Die Todesnähe gehört zum Leben.

Aber da ist auch die Altstadt Kairos, dieses beeindruckende Zeugnis islamischer Baukunst, das seit 1979 als UNESCO-Weltkulturerbe geführt wird. Da ist der berühmte, schon im 14. Jahrhundert gegründete Chan el-Chalili-Basar. 2005 und 2009 wurden hier Anschläge verübt, Menschen starben. Die Terrorangst geht immer noch um, und sie trifft vor allem die Händler. Die wenigen Touristen, die sich heute durch das unüberschaubare Gewirr bunter Gassen und Gänge wagen, haben kaum eine Chance, ihnen zu entkommen. Überraschen, überzeugen, überreden. Verkaufen, um zu überleben.

Und da ist das 1902 errichtete, legendäre Ägyptische Museum, immer noch am Al-Tahrir-Platz. 120.000 Exponate aus allen relevanten Geschichtsepochen lagern hier. Längst ist es zu klein geworden, längst gibt es den Plan, in der Nähe der Pyramiden ein großzügiges neues Gebäude zu errichten. Aber Finanzierungsschwierigkeiten haben schon oft Baustopps erzwungen. Überhaupt steht die Frage im Raum, wie es gelingen könnte, den Tourismus im Land wieder auf Touren zu bringen.

Die Angst vor neuen Terroranschlägen ist übermächtig. Alle Touristengruppen erhalten Polizei- oder Militärschutz. Unsicher sollten wir uns also nicht fühlen. Aber wenn der stumme Begleiter mit  der automatischen Waffe plötzlich seine Hand für ein paar Euro aufhält, wirkt das doch irgendwie bedrohlich. Auch wenn der Freund und Helfer nichts weiter will als selbst ein wenig besser leben. Vielleicht auch einfach überleben.

Pyramiden

Was in Reiseführern zu lesen steht, mag zwar geographisch korrekt sein: Dass die weltbekannten Pyramiden von Gizeh am westlichen Rand des Niltals zu finden sind, 15 Kilometer vom Stadtzentrum Kairos entfernt, in der ägyptischen Wüste, majestätisch aus goldenem Sand und nichts als goldenem Sand ragend.

In Wirklichkeit haben sich die Straßen und Betonsiedlungen der Millionenmetropole schon dicht an sie heran gearbeitet. Die eindrucksvollsten Bauwerke der Menschheit schmücken den ausdruckslosen Rand einer orientierungslos wuchernden Stadt.

Und doch: Sobald die zeitlosen Wunder aus Stein das Blickfeld füllen, bleibt nur noch sprachloses Staunen.

Wie gibt es so etwas? 

Da helfen keine Erklärungen. 10.000 oder vielleicht sogar 100.000 Menschen sollen um etwa 2.500 vor Christus jeweils 20 Jahre lang an einer Pyramide gebaut haben, zuerst für den Pharao Cheops, dann für Chephren, zuletzt für dessen Nachfolger Mykerinos. Wie das genau vonstatten gegangen sein soll, weiß niemand.

Man führe sich vor Augen: Ein einziger der perfekt geformten, also händisch bearbeiteten Steinblöcke reicht einem Durchschnittsmenschen bis zur Brust und wiegt etwa zweieinhalb Tonnen! Für die 146 Meter hohe Cheops-Pyramide wurden rund drei Millionen solcher Blöcke gebraucht – abgesehen von der Kalksteinfassade, die das Werk ursprünglich eingekleidet hatte, und abgesehen auch von den riesigen Rampen, die ja zum Transport der Blöcke ebenfalls gebaut werden mussten.

Bis heute wird darüber gerätselt, wie die Alten Ägypter die Steinblöcke transportiert und in Position gebracht haben. Wirklich ohne Rad-Fuhrwerke und Umlenk-Rollen?

Wurden die Pyramiden doch erst später, irgendwann in der Eisenzeit, gebaut? Oder, im Gegenteil, viel früher? Sind sie Zeugnisse einer alten Hochkultur, von der wir heute nichts mehr wissen? Haben Außerirdische ihre wohlproportionierten Visitenkarten auf die Erdoberfläche gesetzt? Oder hat doch der gute alte Obelix spielerisch beim Bau geholfen?

Jedenfalls haben die wahrscheinlichsten wie auch die kreativsten Erklärungsansätze, zu denen unzählige Bücher immer neues „Geheimwissen“ vermitteln, einen gemeinsamen Ursprung: Das sprachlose Staunen über ein unfassbares Wunder, das die Antike gegenwärtig macht.

Wie gibt es so etwas?

Im Dunklen liegt nicht nur, wie die Pyramiden von Gizeh gebaut wurden. Auch über deren Zweck darf gerätselt werden. Sollten wirklich nur „Grabmale für die Ewigkeit“ errichtet werden? Was bedeuten die Gänge im Inneren? Zeugen die Bauwerke von einem alten Wissen, zu dem wir keinen Bezug mehr haben?

Fest steht, dass in den epochalen Bauten von Gizeh – im Gegensatz beispielsweise zu den Gräbern im Tal der Könige – keinerlei Mumien, Grabbeigaben oder Zeichnungen gefunden wurden. Wer sich solche Kunst zu Gemüte führen will, dem sei ein Besuch der Pyramiden von Sakkara empfohlen, einer bedeutenden altägyptischen Nekropole (Totenstadt), die etwa 20 Kilometer südlich von Kairo liegt. Die berühmte Stufenpyramide des Pharaos Djoser aus der 3. Dynastie (um 2.650 vor Chr.) gilt als die erste Grab-Pyramide überhaupt.

Heliopolis

Was wird aus dem heutigen Ägypten die Epochen überdauern? Welche Spuren wird das moderne Kairo hinterlassen, wo entlang des Nils jedes Fleckchen Erde wild verbaut und systematisch alles zugemüllt wird, wo jeder Gedanke an Nachhaltigkeit ausgerottet scheint?

Es gibt Heliopolis. Dieser Name – „Sonnenstadt“ – bezeichnet nicht nur eine altägyptische Ausgrabungsstätte und einen gehobenen Stadtteil von Kairo. Er steht seit Kurzem auch für eine Universität, die als Teil der SEKEM-Initiative im September 2012 ihren Lehrbetrieb aufnehmen konnte und heute bereits als herausragende Bildungseinrichtung Kairos gilt. In allen drei Fakultäten (Ökonomie, Pharmazie und Technologie; weitere sollen folgen) steht der Gedanke der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt.

Der großen, weltweiten Probleme, die Ägypten als Land und Kairo als Stadt widerspiegelt, ist man sich hier bewusst: Klimawandel, Rohstoffknappheit, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion, extreme Armut, akuter Mangel an Bildung. Man arbeitet an brauchbaren Lösungen. Schritt für Schritt, lebensnah, natur- und menschennah.

Was der SEKEM-Initiative zuzutrauen ist, zeigt das Beispiel Baumwolle: In den ägyptischen Plantagen wurden bis vor nicht allzu langer Zeit jährlich insgesamt 35.000 Tonnen Pestizide eingesetzt – bis die SEKEM-Farm, ursprünglich kritisch von der Regierung beäugt, vorexerzierte, dass die Ernteerträge durch biologische Landwirtschaft um 30 Prozent auf durchschnittlich 1.220 Kilo Baumwolle pro Hektar gesteigert werden können. Infolge dessen dachte man landesweit um – und der Spritzmitteleinsatz wurde um über 90 Prozent auf 3.000 Tonnen pro Jahr reduziert.

Ein Beispiel für viele kleinere und größere Wunder in der sozialen und materiellen Entwicklung, die durch diese Initiative angestoßen wurden.

Einer altägyptischen Hieroglyphe folgend, bedeutet SEKEM „sonnenhafte Lebenskraft“: Heute steht der Name einerseits für eine gemeinnützige Stiftung zur Entwicklung des Landes, und andererseits für eine Anzahl erfolgreicher Unternehmen, die landwirtschaftliche Produkte erzeugen und verarbeiten.

Die SEKEM-Hauptfarm beschäftigt rund 2.000 Menschen und wird von 250 Kleinbauern beliefert, die überwiegend biologisch-dynamisch wirtschaften. Erzeugt werden Früchte, Gewürze und Kräuter, Tees und pflanzliche Heilmittel, Baumwollbekleidung, Spielzeug und manches mehr. Es gibt einen Kindergarten, eine Schule, ein medizinisches Zentrum, Arbeits- und Erziehungsprogramme – und seit kurzem eben auch die Universität Heliopolis im SEKEM-Zentrum Kairo.

Zu verdanken ist die Initiative einem Mann namens Ibrahim Abouleish, einem Berufenen. Er studierte ab 1956 Technische Chemie in Graz (Österreich), kehrte 1977 nach Ägypten zurück – und wurde angesichts der großen Probleme in seiner Heimat von dem Gedanken beseelt, aktiv etwas zu verändern. Also kaufte er 70 Hektar Wüste und begann das zu verwirklichen, was er in einem Buch als „die SEKEM Vision“ beschrieb. Wie einfach das war, kann sich nur ausmalen, wer Land und Leute kennt.

2003 wurde Abouleish für sein Werk mit dem „Right Livelihood Award“, dem Alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet, 2005 mit dem Ehrendoktorat der Medizinischen Universität Graz, im Jahr 2010 folgte ein zweiter Ehrendoktor-Titel der Grazer Technischen Universität.

Wir erleben den 79-jährigen im Kreis von SEKEM-Freunden aus Österreich und den Niederlanden. Wir alle sind Zeugen der immensen Probleme geworden, die auf Ägypten lasten. Wir haben in die Augen lethargischer Kinder geblickt. Menschen erlebt, die früher vom Tourismus leben konnten und jetzt die Hoffnung verlieren. Die grauen, grauenvollen Wohn-Verliese Kairos, auf Müll und Schutt gebaut, sind am Fenster unseres Busses vorbeigezogen …

„Was meinen Sie?“, fragt die Holländerin aus unserem Kreis mit ernster Besorgnis, „wird die Liebe überleben?“

Ibrahim Abouleish überlegt eine Weile, dann gleitet das Lächeln der Erfahrung über sein Gesicht: „Es wird nur die Liebe überleben!“

Werner Huemer

Erleben Sie Ägypten in unserem Film „Der Glanz der Pharaonen“:

Eberhard Weckerles Film führt von den Pyramiden von Gizeh, den Ufern des Nils bis zur Küste des Mittelmeeres:– Ägypten zu entdecken ist weit mehr als eine Reise durch eine über 5.000 Jahre alte Geschichte.

Ausgangspunkt ist Kairo. Nach dem Besuch der Basare und Moscheen sowie des Ägyptischen Museums führt die Reise weiter nach Gizeh, Sakkara, Dashur und in die alte Hauptstadt Memphis. Die nächste Station ist Luxor mit seinen großartigen Tempelanlagen, dem Tempel von Karnak, den Memmnonkolossen, dem Tempel der Hatschepsut und dem Tal der Könige.

Die anschließende Nilkreuzfahrt führt vorbei an den Tempeln von Edfu und Kom Ombo nach Assuan. Die Höhepunkte hier sind der Basar, die nubischen Dörfer, der Nilkatarakt und die Tempelanlage auf der Insel Philae. Weiter nilaufwärts thronen die monumentalen Tempel von Abu Simbel an den Ufern des Nasser-Sees.

Durch die Libysche Wüste führt die Reise entlang der Oasen Kharga, Dachla und Bahariya nach Norden. Höhepunkte sind die bizarren Landschaften der Weißen und Schwarzen Wüste.

Endpunkt der Rundreise ist das legendäre Alexandria an der Mittelmeerküste mit seiner berühmten Bibliothek und der Festung Qaitbay.

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