Minya_Aegypten

Ich hatte leichten Wüstensand erwartet, doch die Erde ist hart und die Hacke hat ihre besten Jahre hinter sich. Aber davon lässt sich ein motivierter Freizeitbauer natürlich nicht entmutigen.

In seinem schriftlichen Programm hatte Hermann Becke, Leiter von SEKEM-Österreich und Organisator unserer Ägypten-Reise, für heute einen ungewöhnlichen „Arbeitseinsatz“ angekündigt, das Wort unter Gänsefüßchen gesetzt. Die daraus folgernde Frage, ob wir hier in Minya, mitten in der ägyptischen Wüste und mitten in einer Kulturreise, nur so tun als ob oder aber wirklich arbeiten würden, ist inzwischen beantwortet. Die Schirmmütze verhindert, dass mir der Schweiß in die Augen rinnt und ein improvisiertes Tape, dass an den Händen Schwielen entstehen. Außerdem wäre es schön, würde Said, unser Fahrer, endlich die sehnlichst erwarteten Wasserflaschen bringen. Er wollte mit seinem Bus nach einer Stunde wieder zurück auf der Farm sein, wo er uns am Morgen abgesetzt hatte. Jetzt ist er schon gemessene zwei und gefühlte vier Stunden lang unterwegs, und die kleinen Vorräte aus dem Rucksack sind aufgebraucht.

Aber – alles nicht schlimm. Die Aufmerksamkeit ist sowieso nicht primär auf die körperliche Befindlichkeit gerichtet. Wichtig sind die Casuarinen, die wir hier arbeitseifrig im Team pflanzen: Schnell wachsende Bäume, die extremen Bedingungen standhalten können, ein idealer Windschutz am Rand der Ackerzeilen, die auf dieser neuen großen SEKEM-Farm in biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise entstanden sind oder noch entstehen werden. Angela Hofmann, langjährige leitende Mitarbeiterin des SEKEM-Gründers Ibrahim Abouleish, koordiniert unsere Arbeiten, organisiert die Bewässerung, packt tatkräftig mit an, und ist am Ende des Halbtags zufrieden mit dem österreichischen Team. Wieder ist ein kleiner Schritt getan.

Auch in den Köpfen der Militärs, die zu unserem Schutz abgestellt sind. Die mit automatischen Waffen bestückten Männer hatten anfangs einigermaßen erstaunt beobachtet, was die verrückten Europäer hier so treiben. Bäume pflanzen in den Wüstensand … Unkraut jäten … Plastikabfälle sammeln … ??? Aber als wir uns zu Mittag verabschieden und in den Bus steigen – Said hat inzwischen für reichlich Wasser gesorgt –, bestehen die Soldaten darauf, es uns gleichzutun und ein paar weitere Casuarinen zu pflanzen. Einer nach dem anderen legt sein Gewehr aus der Hand, greift zur Hacke und drückt dann behutsam sein Bäumchen in den Wüstenboden. Ein Bild, das optimistisch stimmt.

Auf der SEKEM-Farm in Minya soll – nach dem Vorbild des etwa sechs Fahrstunden entfernten Mutter-Betriebs nahe Kairo – ein weiteres Stück Wüste in fruchtbares Land verwandelt werden. LKW-Kolonnen mit Kompost waren dafür bereits unterwegs, Tiefbrunnen wurden errichtet, ein Wasserleitungs-System gebaut. Wer die Mühe auf sich nimmt, 100 oder 150 Höhenmeter zu überwinden, um das Tal zu überblicken, dem bietet sich hier schon jetzt ein einzigartiges, unvergessliches Bild: Ein sattgrüner Lebensteppich liegt über der unfruchtbaren Öde, ein leuchtender Streifen der Hoffnung, des Blühens und Gedeihens in der mattbraunen Monotonie.

Hermopolis

Etwa eine Fahrstunde von Minya entfernt liegt unser Quartier „New Hermopolis“, dessen eigenwillige, an oberägyptische Traditionen angelehnte Stein-Architektur eine klare Botschaft verkündet: Hier will jemand nicht einfach nur Gäste beherbergen, sondern zugleich das kulturelle Bewusstsein schärfen, an alte Weisheitslehren erinnern, Ägypten in einer tiefgründigeren Weise erfahrbar machen.

Mervat Abdel Nasser begrüßt uns redselig und mit überschwänglicher Lebensfreunde. Sie ist Gastgeberin, Architektin und Kulturchefin in Personalunion – und in den nächsten Tagen zwangsläufig auch Köchin. Denn am Abend vor unserer Ankunft hat ihr junger Koch sie im Stich gelassen. Er war einfach nicht mehr aufgetaucht und auch nicht mehr erreichbar gewesen. Vielleicht ein besseres Jobangebot, vielleicht eine Frauengeschichte. Jedenfalls wird der Bursche hier nicht mehr arbeiten können, auch wenn er doch wieder zurückkommen sollte. Aber, meint Mervat, dieser alltägliche Kampf mit der Unzuverlässigkeit soll unser Schaden nicht sein. Sie sei selbst eine hervorragende Köchin und werde uns in bester ägyptischer Tradition kulinarisch verwöhnen.

Sie verspricht nicht zu viel. Was immer sie während der folgenden Tage auftischt, ist großartig. Dabei kommt Mervat beruflich aus einer ganz anderen Ecke. Sie ist klinische Psychiaterin. Dr. Abdel Nasser war viele Jahre lang in London tätig, arbeitete als Co-Autorin an einigen Fachpublikationen mit, beschäftigte sich besonders mit Pädagogik und Erziehungs-Theorie, schrieb zahlreiche Kinderbücher. Vor allem aber war und ist sie von dem Wunsch beseelt, etwas vom Wesen und der Weisheit des Alten Ägypten zu vermitteln. Sie studierte Ägyptologie, und eines schönen Tages im Jahr 2004 machte sie sich mit ihrem gesamten Ersparten auf die Suche nach einem Stück Land, wo sie ihren Traum von einem besonderen kulturellen Zentrum verwirklichen konnte.

Es entstand „New Hermopolis“ – und dieser Name erinnert bewusst an einen besonders geschichtsträchtigen Ort in unmittelbarer Nähe.

Hermopolis liegt am Westufer des Nils, unweit von El-Aschmunein. Der Name erinnert an Hermes, den vermittelnden „Götterboten“ im griechischen Glauben. Die Griechen betrachteten Hermes als eins mit dem altägyptischen Gott Thot, der als Gott der Schreiber, der Weisheit, der Wissenschaft und des Mondes gleichermaßen als „großer Vermittler“ angesehen wurde.

Die Verehrung dieses Gottes gilt als einer der ältesten ägyptischen Kulte. Als „Protokollant des Totengerichts“ spielte Thot auch in den früheren Jenseitsvorstellungen eine zentrale Rolle: Er notiert, welchen weiteren Weg ein Verstorbener zu gehen hat. Dargestellt wurde er oft in Gestalt eines Menschen, jedoch mit dem Kopf eines Ibis, oder als Mantelpavian.

Die „Ibis-Katakomben“, die beeindruckenden unterirdischen Galerien eines Tierfriedhofs, zeugen von diesem Glauben. In einem ausladenden System von Gängen und Kammern stapelte man Tongefäße mit Ibis-Mumien. Auch Mantelpaviane wurden hier beigesetzt.

Als nicht minder sehenswert erweist sich der prächtige Grabtempel von Petosiris. Er war im 4. Jahrhundert vor Christus Hohepriester des Thot in Hermopolis und königlicher Schreiber. Die Vorhalle seines Baus beeindruckt mit Reliefs, die in einem griechisch-ägyptischen Mischstil Szenen aus dem Handwerksalltag und aus der Landwirtschaft zeigen. Petosiris Sarg ist im Ägyptischen Museum in Kairo zu sehen.

Ein paar Schritte mehr führen uns vom Tempel des Hohepriesters zum Grab der Isadora, eines griechischen Mädchens, das einst aus Liebe mit ihrem Freund weggelaufen und dann im Nil ertrunken sein soll. Um den mumifizierten Körper der unglücklichen Isadora entwickelte sich einige Zeit nach ihrem Tod ein Kult; auch literarisch wurde die Geschichte verarbeitet.

Von allen Sehenswürdigkeiten der Region vielleicht am beeindruckendsten ist die um 1880 v. Chr. entstandene Pavianfigur des Thot, viereinhalb Meter hoch, 35 Tonnen schwer. Sie ist ebenfalls in Hermopolis zu bewundern. Die frühere Hauptstadt des 15. oberägyptischen „Hasengaus“ gehörte zu den bedeutendsten Siedlungen. Ihr altägyptischer Name lautete „Khmun“, die „Stadt der Acht“ – jener acht Gottheiten, die schon vor der Schöpfung existierten. Nach altem Glauben stand hier die „Wiege der Welt“.

Mervat glaubt an die Zukunft von Hermopolis. An die Möglichkeit, über die Kraft tieferer Weisheit Kulturen zu vereinen. Die Idee einer kosmopolitischen Stadt, des friedlichen Zusammenlebens der Rassen, sei einstmals in Hermopolis verwirklicht gewesen, eine Frühform der Globalisierung sozusagen. Und die hermetische Philosophie, in der sich Elemente aus altägyptischen, griechischen, jüdischen, persischen und anderen Ursprüngen vereinen, könne als Basis für die moderne Ökologie betrachtet werden. Denn damals wie heute gehe es um ein harmonisches Miteinander im Einklang mit der Natur. Deshalb „New Hermopolis“.

Amarna

Hermopolis liegt etwa 300 Kilometer von Kairo entfernt am Westufer des Nils. Etwa auf gleicher Höhe, aber am Ostufer, besuchen wir nun eine weitere geschichtsträchtige Stätte: Amarna.

Sie erinnert an den großen Religionsreformer – oder, je nach Blickwinkel, Ketzer – Echnaton. Im 14. Jahrhundert vor Christus wollte dieser Pharao den alten Vielgottglauben, der Ägypten über Generationen und Dynastien geprägt hatte, überwinden und den Glauben an einen einzigen Gott etablieren. Ein für die damalige Zeit äußerst kühnes und folgenschweres Unternehmen.

Ursprünglich hatte Echnaton als Amenophis IV. in Theben residiert. Dann aber ließ er eine neue Hauptstadt errichten, die vom Geruch der alten Vielgötterei befreit und ganz im Zeichen des zukunftsweisenden monotheistischen Glaubens stehen sollte: Amarna, ursprünglich Achet-Aton genannt, „Horizont des Aton“. Aton, symbolisiert durch die Sonnenscheibe, verkündete der Pharao als die einzige Gottesmacht – und er selbst trug fortan den Namen Echnaton (Ach-en-Aton), „der Aton dient“.

Vom Tempel des Aton, der ursprünglich ein besonders beeindruckendes Bauwerk gewesen sein musste, ist heute allerdings nur noch ernüchternd wenig zu entdecken: Ein paar Mauerreste aus Nilschlammziegeln, einige Säulenfundamente, aus.

Echnaton selbst dürfte im Jahr 1336 das Opfer eines Anschlags geworden sein. Seine große religiöse Reform, die als wegbereitend für die monotheistischen Weltreligionen betrachtet werden kann, verlief buchstäblich im Sand: Die Bauten des „Ketzerkönigs“ wurden bald nach dessen Tod abgetragen, die Stadt verlassen.

Seit dem 20. Jahrhundert zählt Amarna zu den wichtigsten archäologischen Fundstätten Ägyptens. Neben zahlreichen anderen Objekten wurde hier in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis, der im Umfeld Echnatons tätig gewesen war, die berühmte Büste der Nofretete gefunden, die aus Kalkstein und Gips gefertigt worden war.

Zeit nehmen sollten sich Hobby-Ägyptologen übrigens auch für die Felsengräber in den Bergen um Amarna. Eine beeindruckende Nekropole, wo zahlreiche noble Privatgräber zu besichtigen sind.

Klar, dass Hermopolis und Armana zu den bedeutendsten ägyptischen Attraktionen zählen. „Jeden Tag kamen tausend Touristen zu uns“, erzählt Nasser Omar, der hier ein kleines Café betreibt, gemeinsam mit seiner Schwester Hajad, die Souvenirs verkauft: Tücher, Schmuck, Schnitzwerk, Ansichtskarten …

Aber auch hier ist das früher einträgliche Tourismus-Geschäft zum Kampf ums Überleben geworden. „Es kommt niemand mehr“, klagt Omar, „nur noch Polizisten gibt es viele“.

Ob es gefährlich ist in Ägypten? Ich kann das nicht objektiv beurteilen. Aus eigener Erfahrung würde ich mit Nein antworten. Wir sind Hunderte Kilometer durchs Land gereist und haben nie bedrohliche Situationen erlebt. Die Menschen sind freundlich, die Sicherheitskräfte überbesorgt. Doch in den kulturellen Zentren ist es auffallend ruhig.

Wie wird sich das Land weiter entwickeln? Ein Österreicher, den wir beim Check-in zur Rückreise am Flughafen Kairo treffen, ist pessimistisch. Er habe seine Kindheit in Kairo verbracht, er kenne das Land, die Lage sei definitiv hoffnungslos geworden. Wenig Bildung, keine Initiativen, überall Korruption. Ich erzähle ihm von der SEKEM-Initiative, von den Farmen, der Schule, der Universität. Er weiß nichts darüber … und will offenbar auch nichts davon wissen.

Mag sein, dass dort, wo die Enttäuschung übermächtig geworden ist, wo Wüste nur noch als Bürde und Leere erfahren wird, selbst angesichts antiker Wunder jedes Staunen endet.

Aber Wüste kann auch ein Ort der Klarheit sein, des Neubeginns. Sie kann als Einladung zur kunstvollen Verwandlung erlebt werden, als Lebens- und Gestaltungsimpuls.

Dafür steht SEKEM.

Werner Huemer

Teil 1 dieser Reisereportage finden Sie hier.

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Eberhard Weckerles Film führt von den Pyramiden von Gizeh, den Ufern des Nils bis zur Küste des Mittelmeeres:– Ägypten zu entdecken ist weit mehr als eine Reise durch eine über 5.000 Jahre alte Geschichte.

Ausgangspunkt ist Kairo. Nach dem Besuch der Basare und Moscheen sowie des Ägyptischen Museums führt die Reise weiter nach Gizeh, Sakkara, Dashur und in die alte Hauptstadt Memphis. Die nächste Station ist Luxor mit seinen großartigen Tempelanlagen, dem Tempel von Karnak, den Memmnonkolossen, dem Tempel der Hatschepsut und dem Tal der Könige.

Die anschließende Nilkreuzfahrt führt vorbei an den Tempeln von Edfu und Kom Ombo nach Assuan. Die Höhepunkte hier sind der Basar, die nubischen Dörfer, der Nilkatarakt und die Tempelanlage auf der Insel Philae. Weiter nilaufwärts thronen die monumentalen Tempel von Abu Simbel an den Ufern des Nasser-Sees.

Durch die Libysche Wüste führt die Reise entlang der Oasen Kharga, Dachla und Bahariya nach Norden. Höhepunkte sind die bizarren Landschaften der Weißen und Schwarzen Wüste.

Endpunkt der Rundreise ist das legendäre Alexandria an der Mittelmeerküste mit seiner berühmten Bibliothek und der Festung Qaitbay.

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