Yosemite_Nationalpark

Die Nationalparks der USA. Unsere Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten beginnt in San Francisco und führt über den Highway Nr. 1, den Sequoia-Nationalpark und den Kings Canyon in Richtung Paradies – in den Yosemite-Nationalpark!

Ein Passagier mittleren Alters zieht seine Runden durch die Gänge der Boeing. Er fühlt sich sichtlich unwohl. Wahrscheinlich ist es ihm auf dem elfstündigen Flug zu eng geworden. Der Chef-Steward, ein John-Steed-Typ, dem kein Verhalten fremd zu sein scheint, beobachtet aufmerksam, wie er durch die Luke eines Notausgangs ins Freie starrt. „Er will wohl nach draußen“, mutmaße ich.

John Steed lächelt nachsichtig. „Wollen wir das nicht alle?“

British-Airways-Flug 0285 ins Land der Freiheit, in den Westen der Vereinigten Staaten. Allerdings dient unsere Amerika-Reise keiner gesellschaftlichen oder politischen Bestandsaufnahme. Wir – mein Freund Alfred und ich – wollen in den kommenden drei Wochen vor allem Natur erleben. Denn die Nationalparks im Westen der USA sollen in ihrer Vielfalt ohne Vergleich sein und auch auf den heutigen von Film- und Fernsehdokumentationen verwöhnten Betrachter eine ähnliche Faszination ausüben wie vor Jahrhunderten auf die Menschen, die all die Naturwunder entdeckten.

Bald werde auch ich davon überzeugt sein: Keine Beschreibung, kein Foto und keine Filmdokumentation kann das unmittelbare Erleben purer Schönheit und machtvoller Gestaltungskraft, wie es viele dieser Parks auslösen, auch nur annähernd vermitteln.

Start in San Francisco

„If you‘re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair“ textete Scott McKenzie Ende der 1960er Jahre in seiner Ballade auf die viertgrößte Stadt Kaliforniens, benannt nach Franz von Assisi. Mit diesem frommen Kirchenmann allerdings konnten sich die Blumenkinder von damals wohl ebenso wenig identifizieren wie all die bunten Vögel mit linksgerichtetem Orientierungssinn, die man noch heute in San Francisco zuhauf antrifft.

Unser Tour Guide, der die morgendliche Rundfahrt im offenen Doppeldeckerbus kommentiert, pflegt das Image einer etwas verrückten, aber liebenswerten, friedfertigen Stadt mit Haut und Haar: lila und grüne Strähnen, Tätowierungen, ein sich über drei Finger erstreckender Schlagring mit der Aufschrift „LOVE“, und unter dem schwarzen Hut ein schlacksiger Körper, der ausgelassen zum Rhythmus eines Songs wippt, der uns beschallen und ihn selbst für diesen Tag in Stimmung bringen soll: „It’s a Man’s, Man’s Man’s World“

Seine Führung indes ist feinste Sahne: Wir erfahren nicht nur alles Wichtige über die Geschichte San Franciscos und die gefährliche Nähe dieser Stadt zur San-Andreas-Verwerfung, die 1906 zu einem verheerenden Erdbeben mit Tausenden Toten geführt hat, sondern beispielsweise auch über die Bedeutung der Stadt für Hollywoods Filmproduktionen … dieses grüne Haus gehört Francis Ford Coppola, in diesem Café an der Straße hat er seinen „Paten“ geschrieben, in jenem Wolkenkratzer wurde das „flammende Inferno“ gedreht, hier schielte Barbra Streisand für die Komödie „Is was, Doc?“, dort entstand Alfred Hitchcocks „Vertigo“ …

Und natürlich erfahren wir auch, wie unser Guide in seiner eigenen 20-Quadratmeter-Wohnung zurecht kommt. Die Straßen von San Francisco mit ihren 42 Hügeln sind offenbar ein teures Pflaster zum Leben. Wie dem Liberalismus und dem Blumenkinder-Image zum Trotz gehört die 48 Stockwerke hohe „Transamerica Pyramid“ im Finanzbezirk zu den wichtigsten Symbolbauten der Stadt. Für Touristen ist sie unzugänglich.

Frei steht es uns indes, die traditionellen „Cable Cars“ zu benützen. Die berühmten Straßenbahnen von San Francisco gingen bereits 1873 in Betrieb und rumpeln seither, gezogen von einem zig Kilometer langen unterirdischen Seilsystem, mit beachtlicher Geschwindigkeit die steilen Hügel hinauf und hinab. Die weltweit einzige Kabelstraßenbahn mit entkoppelbaren Wagen ist jedenfalls ein Abenteuer wert, auch wenn die Bahn tagsüber völlig überfüllt ist.

Aber wer Glück hat, dem wird die fast einstündige Wartezeit an der Endstation akustisch verkürzt. Ein Alt-Hippie mit prächtiger Stimme, schwerem Bart und breitem Repertoire unterhält uns mit Verstärker und E-Gitarre. „Waiting for the Cable Car“ … spontan entstehen neue Textzeilen für Evergreens wie „Heart of Stone“. In seiner „extrem überbewerteten Show“, die das treue Publikum immer erst dann verläßt, wenn die nächste Straßenbahn kommt, erzählt der Endbahnhof-Star aus seinem Leben. Dass er schon immer ins Showbiz wollte, aber, wie man sieht, den steinigsten Weg dafür gewählt hat.

Ich werfe dem unverdrossenen Entertainer ein paar Dollar in den Hut.

Dann die Fahrt – Mann oh Mann! Der Stehplatz seitlich am Trittbrett des Cable-car-Waggons bietet einem ungeübten Touristen wie mir ein echtes Muskeltraining, sobald es steil bergauf geht. Denn die Füße haben wenig Platz – jedem Trittbrett wurden sechs Fahrgäste zugewiesen –, und die Hände wenig Auswahl zum Festkrampfen. Und hat man sich dann noch unbedacht für die rechte Wagenseite entschieden, kann man eine Rushhour erfahren, die vielleicht doch nicht jedermanns Sache ist – wenn nämlich die Rückspiegel der Autos nur zentimeterweit an den eigenen Beinen vorbei zischen …

Freilich geht es auch gemächlicher – zum Beispiel mit einer Radtour über die „Golden Gate“. Nahe der Brücke beobachten wir fasziniert einen alten Mann, der metergroße Seifenblasen in den Wind schickt. Offenbar einfach nur zum Spaß, eine Spendenmöglichkeit ist nirgendwo auszumachen. Da tritt ein kecker, vielleicht sechsjähriger Junge an ihn heran. „Ich weiß, woher du kommst!“, sagt er.

„Woher komme ich denn?“, fragt der Seifenblasenmacher und blickt den neugierigen Kleinen nur aus den Augenwinkeln an.

„Aus Bubbleland natürlich! Was machst du hier? Spielst du?“, will der Junge wissen.

„Nein!“ Der Alte dehnt singend das Wort und wirft dem Kleinen einen ernsten Blick zu, wonach er eine weitere Riesenblase auf den Weg bringt. „Spielen? Wo denkst du hin? Ich arbeite hart daran, dass mir das Ganze absolut keinen Spaß macht!“

Und wieder nimmt der Wind eine schillernde, wabernde Kugel mit sich und trägt sie in die Richtung einer Insel, die von hier aus gut zu sehen ist … auf der aber wohl unzählige Träume für immer zerplatzt sind: Alcatraz.

Das legendäre Gefängnis wird heute mit zynischer Gründlichkeit touristisch vermarktet: Die Standard-Seifen, mit denen sich die Häftlinge zu waschen hatten, gibt es in der Originalverpackung zu kaufen. Auch die Anstaltsregeln dienen als Souvenirs. Zum Beispiel „Regulation #25: YOU ARE NOT ALLOWED TO HAVE MONEY“ – Aufdruck einer Alcatraz-Brieftasche, erhältlich für $ 9,95

1.400 Tonnen schwere Pilze

Nach diesem Sightseeing-Auftakt verlassen wir San Francisco. Vor uns liegen drei ereignisreiche Wochen, in denen wir insgesamt rund 10.000 Kilometer weit durch sieben US-amerikanische Bundesstaaten reisen werden, um einige der bekanntesten großen Nationalparks des Westens zu besuchen.

Zunächst aber bleiben wir in Kalifornien und genießen einen Streckenabschnitt des berühmten Highways No. 1, einer der schönsten Küstenstraßen der Welt. Sie ermöglicht wunderbare Seitenblicke auf den Pazifik und bringt uns nach Santa Cruz und Monterey, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Hauptstadt Kaliforniens war und heute vor allem wegen des sehenswerten „Bay Aquariums“ als Touristikzentrum Bedeutung hat.

In südlicher Richtung würde der Highway noch weiter nach Santa Barbara und Santa Monica/Los Angeles führen. Aber auf unserer Reise hat die Natur Vorrang gegenüber der Kultur. Also zweigen wir ab ins Landesinnere.

Unser erstes großes Ziel ist der Sequoia Nationalpark, in dem die mächtigsten Bäume der Welt Jahrhunderte und Jahrtausende unbeeindruckt an sich vorüberziehen lassen.

Der bekannteste Riese trägt – wie könnte es anders sein – den Namen eines Generals. „General Sherman“ wiegt rund 1.400 Tonnen, hat am Boden einen Umfang von mehr als 31 Meter und ist rund 84 Meter hoch. Sein dickster Ast hat einen Durchmesser von über zwei Meter, und in jedem Jahr wächst dem General ebenso viel neues Holz zu wie es einem normalen 18 Meter hohen Baum entspricht.

Und doch sind solche Zahlen nur belanglose Statistik gegenüber dem Eindruck, den die Sequoia-Baumriesen erwecken, wenn man ihnen unvermittelt „von Angesicht zu Angesicht“ gegenübersteht.

Unvermittelt, weil man die in 1.500 bis 2.500 Meter Seehöhe liegenden Wälder durchwandern kann wie jeden anderen Wald auch – wobei hier eben zwischen den Bäumen normaler Größe plötzlich alles überragende Riesengewächse zu entdecken sind, mehrere Tausend insgesamt. „Eigentlich ist es wie beim Pilzsuchen“, bemerkt Alfred, „auf einmal wird man überrascht.“ Nur sind die „Sequoia-Pilze“ tonnenschwer und bis zu 3.200 Jahre alt – und sie dürfen zum Glück nicht „geerntet“ werden.

Noch höhere, aber bei weitem nicht so mächtige Bäume findet man im „Redwood Nationalpark“ im Norden Kaliforniens. Die rotbraunen Riesen wachsen dort bis zu 115 Meter hoch in den Himmel. Ihr Stammdurchmesser beträgt allerdings maximal sechseinhalb Meter, während es die Sequoia-Giganten auf mehr als 12 Meter bringen können.

Seinen Besuchern hat der Sequoia-Nationalpark auch über die „Riesenpilze“ hinaus einiges zu bieten. Die beeindruckenden Höhlen von „Crystal Cave“ beispielsweise, Bergseen, Wanderrouten für alle Ansprüche oder gelegentlich auch frei lebende Bären.Wir haben das Glück, einen vom Auto aus beobachten zu können, wie nur wenige Meter entfernt von uns den Wald durchstreift.

Direkt an den Sequoia-Nationalpark schließt der „Kings Canyon Nationalpark“ an. Eine Fahrt durch seine mächtigen Gesteinsformationen bietet märchenhafte Eindrücke fürs Leben. Unfaßbar eigentlich, welcher Aufwand betrieben wurde, um diese längste zusammenhängende Gebirgsregion Nordamerikas für den Autoverkehr zu erschließen. Der Höhenunterschied zwischen den saftig grünen Tälern und den Gletschergipfeln beträgt nahezu 4.000 Meter!

Nicht zum letzten Mal auf dieser Reise fehlt uns die Zeit für ausgedehnte Wanderungen. Ein paar Tage oder Wochen mehr wären gut … dieser Gedanke wird zum ständigen Reisebegleiter. Aber wer den Überblick sucht, muss auf manches verzichten …

Im Rollstuhl Richtung Paradies

Unser nächstes, etwas weiter nördlich gelegenes Ziel ist eine Region, die der oft zitierte amerikanische Naturforscher John Muir mit den Worten beschrieb: „Das ist der bei weitem großartigste aller besonderen Tempel der Natur, die ich jemals betreten durfte!“

Im „Yosemite Nationalpark“ liegen schroffe Granitwände mit beeindruckenden Wasserfällen, weitläufige Hochebenen, seenreiche Täler und gewaltige Sequoia-Wälder dicht beieinander. Zum größten Teil ist das weitläufige Gebiet bis heute reine Wildnis, in die sich nur passionierte Kletterer, Abenteuerlustige und gelegentlich Park-Ranger begeben.

Etwa fünf Prozent des „Wild Yosemite“ aber sind für den Tourismus erschlossen – und wie!  „Yosemite Village“ beispielsweise ist völlig barrierefrei gestaltet. Rollstuhlfahrer gelangen sogar bis zu einem Wasserfall, und das perfekt organisierte Shuttle-Bussystem erlaubt es, auch ohne eigenes Auto wichtige Trailheads für Wanderungen zu erreichen.

Wir wählen für den täglichen Marsch, den wir uns vorgenommen haben, den „Nevada“-Wasserfall als Ziel – und dürfen hier einige Stunden erleben, die rückblickend zu den eindrucksvollsten der Reise gehören.

Wer die freie Natur sucht, schätzt Menschenmassen nicht besonders. Und hier sind, wenigstens auf den ersten hundert Höhenmetern, wirklich Massen unterwegs, unterschiedlichste Gestalten aller Farben und Größen! Aber seltsam … sie sind keine Last. Eher noch erinnern all diese Menschen, wie sie die steinernen Stufen hinanstreben, an eine Pilgergemeinschaft. Begeisterung, Ausgelassenheit, Übermut, Demut … jede Gemütsäußerung scheint einer gemeinsamen Andacht ergeben, in der das Rauschen des über die Felsen stürzenden Merced River richtungweisend die Sinne umfängt.

Und spätestens wenn die frühe Nachmittagssonne im Überfluss dieser Offenbarung von Naturschönheit einen zarten Regenbogen über den Bergsee spannt, durchglüht das Herz ein fernes Ahnen davon, was Heimat wirklich ist …

Werner Huemer

(Die Reportagen-Reihe über die Nationalparks der USA wird fortgesetzt)

Lernen Sie die Nationalparks der USA näher kennen – mit unseren Videos der „Golden Globe“-Reihe.

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