Salvador-da-Bahia-Brasilien

Brasilien heute? Der dschungelecht gekleidete BBC-Reporter kämpft sich durch Manaus, die berühmte Amazonas-Hauptstadt am Rio Negro im Norden Brasiliens. Die Kamera zeigt beeindruckende Bilder von einem gewaltigen Brückenbau über den Fluss. Mehr als dreieinhalb Kilometer Länge waren nötig, um den mächtigen Rio Negro hier, nur noch zehn Kilometer von seiner Einmündung in den Amazonas entfernt, zu überwinden. 20 Meter breit ist die neue Brücke zwischen Manaus und Iranduba, und bis zu 55 Meter hoch. 161.000 Kubikmeter Beton und 14.500 Tonnen Stahl wurden innerhalb von drei Jahren verbaut, von 570 Millionen US-Dollar Kosten ist die Rede.

Die ökologischen Probleme, der Schutz des Regenwaldes, die Rechte der Indianer … farbenprächtige Aufnahmen machen die Fernsehreportage zum optischen Genuss. Nebenbei erwähnt der BBC-Moderator auch den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens und dass man einen Kompromiss zwischen Ökologie und Ökonomie suche. Bald werde das Land die sechststärkste Wirtschaftskraft der Welt sein und selbst das mächtige Großbritannien überholen.

Aber Carlos, der die Reportage neben mir in seinem Fernsehsofa mitverfolgt, ist schon ziemlich in Wut geraten. Immer wieder dieser Regenwald und die Indianerrechte! Das alles verschlinge Unsummen an Geld, und wenn es den unproduktiven Norden nicht gebe, wäre das Land längst eine oder überhaupt die führende Ökonomie. Der Regenwald solle entweder wirtschaftlich verwertet werden – oder es solle gefälligst die ganze Welt für seinen Erhalt bezahlen, die USA, China und Europa, aber nicht die Brasilianer. Die Pflege des Hemmschuhs im Norden werde von der internationalen Staatengemeinschaft und den NGOs diktiert und lasse das anderswo im Land mit viel Fleiß erwirtschaftete Geld im Nichts verschwinden.

Ein Unternehmer aus der südlichen Zwei-Millionen-Stadt Curitiba, 4.000 Kilometer von Manaus entfernt, betrachtet seine Heimat naturgemäß anders als ein BBC-Reporter, der mit den Klischeevorstellungen des europäischen Publikums spielt. Brasilien, das ist in den Augen eines stolzen Mannes aus Paraná nicht primär tropischer Regenwald oder Sambatanz an der Copacabana, das ist kein kein wirtschaftliches Schwellenland und schon gar kein Entwicklungsland, das sind nicht die Favelas von Rio de Janeiro oder São Paulo. Brasilien, das ist dort, wo die Maßstäbe gesetzt werden.

Als „Land der Zukunft“ beschrieb Stefan Zweig vor 75 Jahren schwärmerisch die unermessliche Welt, in der er seinen Lebensabend verbrachte. Zwischenzeitig ist Brasilien in der Zukunft angekommen. Wenigstens die südliche Hälfte des Landes.

Die Stadt der tausend Grünoasen

Carlos ist stolz auf seine Stadt. Tatsächlich bietet Curitiba Ideen, Konzepte und Entwicklungen, die vielen europäischen Städten zum Vorbild gereichen könnten.

Zum Beispiel die Grünoasen. Trotz eines rasanten Zustroms (im Großraum Curitibas leben bereits etwa fünf Millionen Menschen) hat man es geschafft, die Mega-City grün zu halten. 16 Parks – teilweise sensationell gestaltet –, 14 Wälder und mehr als 1.000 kleinere öffentliche „Grün-Plätze“ sorgen für gute Luft und Entspannungspotential. Um so mehr, als sich werktags, abgesehen von ein paar Touristen, kaum jemand in einen solchen Park verirrt. Man hat zu arbeiten. Die 50 Quadratmeter Grünfläche, die statistisch betrachtet, jedem Curitibano zur Verfügung stehen, sind nur sonn- und feiertags von Relevanz.

Zum Beispiel der öffentliche Verkehr. Der funktioniert hier perfekt. Die Farben der Busse dienen als Orientierungshilfe, und ein Netz eigener Straßen durchzieht für sie die Stadt. Umsteigemöglichkeiten bieten die „Tubulares“, gläserne Haltestelle-Röhren, auf die alle städtischen Busse perfekt abgestimmt sind; manche haben die Türen deshalb auf der linken Seite. Und weil dieses System von der Bevölkerung so gut angenommen wird und Verkehrsstaus minimiert, wurde es kürzlich in die USA exportiert.

Zum Beispiel die Seniorenpflege. Ältere Bürger genießen Vorteile. So darf jeder über 65  gemeinsam mit Behinderten spezielle Parkplätze benutzen. Ein sinnvolles, erfolgreiches System, das darauf wartet, außerhalb Brasiliens kopiert zu werden – so, wie seinerzeit die Idee von Fußgängerzonen. Der erste solche autofreie Bereich in einer Innenstadt wurde 1967 in Curitiba eröffnet.

Wirtschaftkraft und Wohlstandsbauch

Der Titel „Land der Zukunft“ läßt sich auch anhand weiterer Beispiele begründen. Politische Wahlen etwa funktionieren in Brasilien längst papierlos nur über Bildschirm und Computernetzwerke. Die Bauern im Süden (vor allem in den Bundesstaaten Paraná, Mato Grosso und Mato Grosso do Sul) arbeiten schon seit Jahren weitgehend ohne Pflug – „Direktpflanzung“ lautet das bodenschonende Erfolgsrezept. Wobei man sich allerdings kein historisch-verklärtes Bild von einem südbrasilianischen Bauen machen sollte. Viele sind wohlhabende Unternehmer; mancherorts werden zig Kilometer lange Ackerflächen für Soja, Mais oder Baumwolle nur noch von ferngesteuerten Traktoren bewirtschaftet.

Brasilien, das fünftgrößte Land der Erde, ist in vieler Hinsicht ein Gigant, und der BBC-Reporter hat sich – sofern seine Dokumentation nicht schon einige Jahre alt war – in den Fakten getäuscht: Die Wirtschaftskraft des Landes hat die Großbritanniens bereits 2011 überholt. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 2.500 Milliarden US-Dollar stieg Brasilien bereits damals zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt auf.

Das Land kann sich selbst mit Rohöl versorgen (die Benzinpreise an den Tankstellen sind trotzdem ähnlich hoch wie in Deutschland oder Österreich). Es ist der weltweit zweitgrößte Eisenerzproduzent und einer der wichtigsten Stahlhersteller, der drittgrößte Flugzeug- und der viertgrößte Automobilproduzent (im Land gibt es 70 Flughäfen und zwei Millionen Kilometer Schnellstraße).

Besonders stark profitiert Brasilien vom unersättlichen Rohstoffhunger Chinas. Das Land ist für die Chinesen heute ein wichtigerer Exportpartner als die USA oder Europa. Und es wird zum Kreis der sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) gerechnet, die aller Voraussicht nach die Kräfteverhältnisse in der globalen Wirtschaft während der kommenden Jahre nachhaltig verschieben werden.

Vermutlich wird Brasilien bald der größte Lebensmittelhersteller der Welt sein: Die derzeitige Agraranbaufläche von 60 Millionen Hektar könnte Schätzungen zufolge verdoppelt oder gar verdreifacht werden – ohne dass dadurch Regenwald gefährdet wäre.

Natürlich ist groß kein Synonym für gut. 

Mangos oder Mamãos (Papayas) beispielsweise, dafür stehe ich gern als Zeuge, schmeckten vor 30 Jahren bei weitem nicht so europäisch wie anno 2013. Heute sind diese Früchte bunte Tupfer auf dem Frühstückstisch; sie werden allerorts das ganze Jahr über serviert, hinterlassen aber keinen besonderen Eindruck. Früher waren sie ein Wunder an Wohlgeschmack. Aber klar: Inzwischen wurde der quantitativ einschränkende Faktor „Erntezeit“ agrartechnisch überwunden. Brasilien versorgt sich (und den Rest der Welt) mit Hilfe gigantischer Plantagen, auf denen das Ernte-Fließband ununterbrochen alle Jahreszeiten durchquert. Immerhin können sich Städter, die hochwertige Qualität bevorzugen, von Kleinbauern versorgen lassen, die es in der Peripherie großer Ballungszentren vielerorts noch gibt.

Die meisten Brasilianer sorgen sich indes wenig um die Nebenwirkungen der rasanten Entwicklung ihres Landes. Immerhin hat diese in der jüngsten Zeit etwa 40 Millionen Menschen aus der Armut gesaugt und der Mittelschicht zugesellt. Demgegenüber erscheint das Problem, dass inzwischen fast die Hälfte der über 190 Millionen Brasilianer übergewichtig ist, als relativ unbedeutend. Ein kleines Wohlstandsbäuchlein darf schon sein – als gemütliches Kontrastprogramm zum traditionell ausgeprägten Körperkult, den vor allem die brasilianische Jugend immer noch exzessiv pflegt.

Allerdings gibt ein Bericht des brasilianischen Gesundheitsministeriums Anlass zu ernster Sorge: Bereits 16 Prozent der Brasilianer sind – als Folge von unausgewogener Industrienahrung und Bewegungsmangel – regelrecht fettleibig. Die Zahl der so Erkrankten nahm in den letzten Jahren dramatisch zu. Offenbar hat die gedankenlose Abkehr von der tradtionellen Kost aus Reis, schwarzen Bohnen und Gemüse ihren Preis. Gesundheitsminister Alexandre Padilha warnte bereits eindringlich vor Kohlenhydraten, Fett – und vor US-amerikanischen Verhältnissen in Sachen Übergewicht: „Es ist Zeit für eine Umkehr!“

Tablet, no toilet

Brasilien glüht. Das zeigen nicht nur die Wirtschaftsdaten und Wachstumsraten, sondern auch die sozialen Umbrüche. Doch die Glut lässt sich nur schwer bezähmen. Mit dem Aufschwung blüht immer auch die Korruption.

Manchmal ist keine Grenze zwischen Evolution und Chaos erkennbar, notwendige Entwicklungen sind zugleich Großexperimente an Mensch und Natur. Manchmal entstehen Brände, die nicht nur Regenwald und Lebensraum vernichten, sondern auch die Traditionen. Und auf der Asche des Alten wuchert unkontrolliert das Neue.

Alles scheint möglich in diesem glühenden Land, aber nicht überall wird die Freiheit sinnvoll genutzt. Vor allem im Landesinneren, abseits der Großstädte, der Wirtschafts- und Tourismuszentren, zeigt sich der Wildwuchs.

Monica war Grafikerin in Salvador da Bahia, Zentrum des östlichen brasilianischen Bundesstaates Bahia, jeder geschichtsträchtigen Hauptstadt mit derzeit drei Millionen Einwohnern, die noch Mitte des 17. Jahrhunderts die größte Metropole der südlichen Erdhalbkugel und bis Mitte des 18. Jahrhunderts auch die Hauptstadt Brasiliens gewesen war.

Heute lebt Monica etwa 500 Kilometer von Salvador entfernt im Landesinneren Bahias, in einem Gebiet, für das „Google“ keine detaillierten Satellitenbilder zu bieten hat und das dem Massentourismus bislang verborgen blieb. „As trilhas do paraíso“, wie ein Flugblatt titelt, die Spuren des Paradieses, führen hier zu märchenhaften Wasserfällen, die Schleiern gleich über den Fels wehen und manchmal in kleine Teiche münden. „Purificacão“ heißt eine dieser in üppigem Grün versteckten Naturbadewannen – „Reinigung“. Einen treffenderen Namen hätte man für den Kraftplatz nicht finden können.

Aber Monica ist besorgt um dieses Paradies. Sie weiß, dass die Touristen, die hierher kommen, nicht wirklich das Land lieben, sondern es für sich nutzen wollen. Zum Wandern und um Freiheit zu erleben, denn hier ist praktisch alles erlaubt. Und sie weiß, dass die Dorfbewohner, die von größerem Wohlstand durch den Fremdenverkehr träumen, vom Asphaltieren der Straßen oder von einem Hubschrauberlandeplatz, keine Gedanken an die Folgen solcher Entwicklungen verschwenden.

„Ordem e progresso“ – Ordnung und Fortschritt lautet der Wahlspruch auf der brasilianischen Flagge. Rasanten Fortschritt gibt es auch hier, im Herzen Bahias. Der ordnende Rahmen aber ist brüchig. „Die brasilianischen Gesetzbücher sind dick“, sagt Monica, „aber es sind immer nur die ersten drei Seiten aufgeschlagen.“ Es gibt Gesetze, aber sie werden kaum kontrolliert. Es wird gebaut, aber plan- und rücksichtslos. Monica zeigt mir in ihrer Nachbarschaft ein mehrstöckiges Haus mit vielleicht 40 Quadratmetern Grundfläche – ein missglückter Turm aus deutlich schiefen Ziegelwänden, unverputzt, ohne Dach, auf dem aber die größtmögliche Satellitenschüssel montiert ist. Die HD-Heimkinoanlage ist wichtiger als ein wohnliches Umfeld.

Wenn die Bildung fehlt, dann fehlt oft auch das Gespür fürs Wesentliche. Wer sein Leben nach den Idealen der Telenovelas gestaltet, jener sterilen Fernseh-„Seifenopern“ um schöne reiche und kranke arme Menschen, die unverzichtbar zum Alltag vieler Brasilianer gehören, der greift nach Statussymbolen. In São Paulo, Rio de Janeiro oder Salvador leben immer noch Millionen unter unwürdigen Umständen in den Favelas. Das schließt aber nicht aus, dass irgendwo vor der Hütte ein teures Auto parkt oder drinnen jemand mit seinem iPad spielt. Monica bringt diese Gesinnung auf den Punkt: „Tablet, no toilet“

Der heiße Kern brasilianischer Glut

Nomen est omen. Vielleicht muss dieses Land glühen. Der Name Brasilien geht auf den portugiesischen Namen des Brasilholz-Baumes zurück. „Brasa“ bedeutet Glut, das Adjektiv „brasil“ beschreibt die rötliche Farbe des geschnittenen Holzes.

Welche Entwicklungen diese Glut künftig befeuern wird, ist fraglich.

Monica ist angesichts der wachsenden Probleme pessimistisch. Manchmal, sagt sie, habe sie das Gefühl, das Land stehe vor einer Explosion.

Das Licht der Freiheit wirft im Landesinneren Brasiliens jedenfalls kräftige Schatten: Die Schulbildung der Kinder hängt oft von den Launen der Lehrer ab; mancher Schultag entfällt einfach. Die medizinische Versorgung ist schlecht. Polizei zeigt sich vielerorts bestenfalls vor Mitternacht (aber manche Probleme, etwa durch überhöhten Alkoholkonsum, beginnen natürlich erst danach); kontrolliert wird wenig. Und würde man fixe Polizeitstationen einrichten, dann wäre es wahrscheinlich nur eine Frage von Stunden, bis sich die Beamten mit der örtlichen Bevölkerung verbrüdert hätten.

Die Preise für Dienstleistungen unterliegen weitgehend der Willkür. Um beispielsweise von Palmeiras in ein entferntes Dorfzentrum zu kommen, musste man 2011 für einen Einzeltransport mit maximal 60 Real (= ca. 25 Euro) rechnen. Wenige Monate später betrug der Preis plötzlich 80 Real – keine Kleinigkeit für die, die nicht gut verdienen.

Mitunter scheint auch das Empfinden für menschliche Abgründe unterentwickelt. So wird in manchen Familien die Verheiratung sehr, sehr junger Mädchen an reiche ältere Herren oft einfach nur als wirtschaftlicher Vorteil betrachtet. Mögliche fragwürdige Motive bleiben ausgeblendet.

Dabei wird das Thema Sexualität in Brasilien allgemein eher zwanglos wahrgenommen. Bis vor kurzem war es beispielsweise nicht ungewöhnlich, dass ein Vater seinen pubertierenden Sohn zu einer Prostituierten begleitete, damit er praxisnah erfahren konnte, worum es geht. Diese Tradition ging in den letzten Jahrzehnten verloren. Eine weitgehend auf sich selbst gestellte Jugend macht nun früher und unkontrollierter eigene Erfahrungen – übrigens leider auch oft mit gefährlichen Drogen, die in Brasilien zum großen Problem geworden sind.

Aber vielleicht wird sich im Rückblick zeigen, dass alle diese Schwierigkeiten doch nur Randerscheinungen waren, Ablagerungen eines mächtigen Stroms, der das Land aus einer chaotischen Vergangenheit letztlich in eine gute Zukunft geführt hat.

Für diese Hoffnung spricht der heiße Kern der brasilianischen Glut: das Holz, aus dem die Menschen geschnitzt sind.

Die Liebe ertragen lernen

Längere Zeit in Brasilien zu verbringen, mag für einen gelernten Europäer aus dem deutschsprachigen Raum überaus anregend, aber auch desillusionierend sein. Denn er könnte bei seiner Rückkehr eine unangenehme Kälte verspüren. Innerlich, nicht körperlich. Er könnte im unmittelbaren Vergleich erstmals bewusst den zähen Nebel aus Befürchtungen, Vorurteilen und Vermutungen erleben, der in unseren Breiten wie selbstverständlich den Kontakt von Mensch zu Mensch umlagert und erschwert. Mitmenschen ab- und einzuschätzen, ihre Worte und Handlungen zu hinterfragen, ihre eigentlichen Absichten ergründen zu wollen – solches Misstrauen gehört in unserer Gesellschaft weithin zum Alltagsrepertoire gedanklicher Erwägungen.

Das Leben in Brasilien lädt dazu ein, Liebe und Nähe wieder ertragen zu lernen. Und je stärker die Mauern sind, die man um sich selbst errichtet hat, umso mehr beschämt die Offenheit, beschämt das Wohlwollen dieser Menschen.

Nichts von dem, was Stefan Zweig vor 75 Jahren über das brasilianische Gemüt schrieb, müsste heute umformuliert werden: „Es ist die erste und dann täglich glücklich erneute Überraschung, kaum man dieses Land betritt, in wie freundlicher und unfanatischer Form die Menschen dieses riesigen Raums miteinander leben. Unwillkürlich atmet man auf […] in dieser stilleren, humaneren Atmosphäre. Zweifellos, es ist hier mehr Lässigkeit in der Lebensführung […] aber wir […] genießen diese lindere und gelassenere Form des Lebens als eine Wohltat und ein Glück.“

Wenn europäische Reisebüros heute dann und wann mit Blick auf die durch Armut provozierte Großstadt-Kriminalität vor dem „gefährlichen Leben“ in Rio de Janeiro oder São Paulo warnen, so sollte das zu keinen falschen Vorstellungen über die Brasilianer im allgemeinen führen. Wie könnte dieses Volk, in dem seit Generationen wie in keinem anderen alle Rassen vorbehaltlos neben- und miteinander leben, nicht friedfertig sein. Ein Volk, für das menschliche Nähe und Mitgefühl ein Lebenselixier ist und das die Sehnsucht als Genuss zelebriert – begrifflich verkörpert in dem angeblich unübersetzbaren Wort „saudade“, das in Brasilien zum Grundvokabular jedes Dichters oder Volksliedkomponisten zählt.

Der geniale Plan: Kein Geld – keine Inflation

In den vergangenen Jahrzehnten ist den Menschen des Landes nicht nur ein rasanter sozialer und wirtschaftlicher Aufschwung gelungen, mithin die Stabilisierung der Währung und der demokratischen Verhältnisse. Es wuchs auch die Zuversicht, die großen ungelösten Probleme doch irgendwie bewältigen zu können. Etwa die selbst in höchsten politischen Kreisen immer noch präsente Korruption oder die Balance zwischen dringenden ökologischen Maßnahmen – etwa zur Bewahrung des Regenwaldes – und dem Drang nach Wirtschaftswachstum und nach Nutzung aller Ressourcen.

Die Zuversicht wuchs, weil Brasilien in seiner jüngsten Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen hat, dass Änderungen möglich sind.

Erst 1964 hatte das Militär – unterstützt durch verdeckte Operationen des US-Geheimdienstes CIA – geputscht und den damaligen Präsidenten, João Goulart, ins Exil gezwungen. Eine Militärdiktatur, zunächst unter General Castelo Branco, folgte. Das Land wurde in den folgenden beiden Jahrzehnten mit harter Hand regiert, erfuhr dabei aber auch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die bis dato wichtigsten Straßenverbindungen wurden damals gebaut, auch Häfen und andere zentrale Infrastruktureinrichtungen. Bald aber tauchten wieder die alten Probleme auf: Korruption und Inflation. 1985 schließlich, viel zu spät, wurden freie Wahlen zugelassen, und Brasilien schlug den Weg in die Demokratie ein.

Das Ausmaß der Hyperinflation, unter der das Land noch vor 30 Jahren litt, ist schier unvorstellbar. Oft waren es mehr als 25 Prozent pro Monat, in den bittersten Jahren insgesamt bis zu 1000 Prozent. Ansätze zur Bekämpfung dieses Krebsübels gab es viele. Das wohl legendärste Großexperiment verwirklichte 1990 Präsident Collor de Mello. Wenn es kein Geld gibt, so seine Überlegung, dann gibt es auch keine Inflation. Also verkündete er bald nach seiner Amtseinführung, dass das Vermögen jedes Brasilianers und auch jedes Händlers oder Industriebetriebs ab sofort 30 „Cruzado Novo“ (so hieß die damals neue Währung) wert war – gleichgültig, wie viel eine Person oder ein Unternehmen auf seinen Bankkonten gebunkert hatte.

Carlos erinnert sich, wie er in jener Nacht um 20.30 Uhr in Rio de Janeiro vor einem Geldautomat wartete, just als der „Collor Plan“ über die Fernsehnachrichten verkündet wurde. Die Menschenschlange hinter ihm wurde binnen Sekunden immer länger – aber es war für niemanden mehr etwas zu holen.

Wären im Laufe seines Lebens inflationsbedingt nicht wieder und wieder drei Nullen beim Übergang von der jeweils alten zur jeweils neuen Währung „weggestrichen“ worden – Carlos wäre heute zigfacher Trillionär!

Auch Collors Plan schlug gründlich fehl. Schon nach wenigen Monaten begann die Inflation erneut zu galoppieren und konnte erst Jahre später, unter den Präsidenten Fernando Henrique Cardoso und Luiz Inácio Lula da Silva eingedämmt werden.

Kleine Wunder und neue Kleider

Brasilien ist heute finanziell weitgehend stabil, darf sich über ein insgesamt gesundes Bankenwesen freuen und wird von der ersten weiblichen Präsidentin regiert – Dilma Rousseff, eine ehemalige Guerilliera, bekannt als organisationsbegabt. In ihrer Hand liegt es nicht nur, die aktuellen Probleme zu bewältigen (wobei sie viele ihrer Minister wegen Korruptionsvorwüfen verlor), sondern auch, das Image des Landes auf der internationalen Ebene günstig zu verändern.

Weltweit beachtete Großereignisse könnten ihr dabei helfen: Der katholische Weltjugendtag 2012, die Fußball-WM 2014, die in mehreren Metropolen über die Bühnen ging; 2016 die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Gebaut und investiert wurde mit Blick auf diese „Mega-Giga-Tera-Events“ in allen beteiligten brasilianischen Großstädten. Und im Zuge der TV-Übertragungen wird wohl immer mehr Menschen klar, dass Brasilien nicht nur aus dem Amazonas-Regenwald besteht, aus braungebrannten Schönheiten, die an der Copacabana Samba tanzen und aus den Wasserfällen von Iguaçu, die James Bond einst mit seinem Drachenflieger überquerte. Und dass die Glut dieses Landes neue Vielfalt erzeugt – was für die Hautschattierungen der Menschen ebenso gilt wie zum Beispiel auch für Religion und Konfession.

Möglicherweise wird sich der BBC-Reporter künftig eher locker brasilianisch als dschungelecht bekleiden, um diesem Zukunftsland besser zu entsprechen – und um zu erzählen, wie viel Unerwartetes es hier noch zu entdecken gibt.

Carlos würde das freuen.

Monica wahrscheinlich eher nicht.

Werner Huemer

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