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Info-Dienstag: Das Tai Chi Feeling – Fragen an den Autor. Christoph Eydt beantwortet heute Fragen zu seinem neuen Buche „Das Tai Chi Feeling„.

1. Was ist Tai Chi und wie bist du dazu gekommen?
Tai Chi ist eine alte chinesische Kampfkunst, die heute vor allem für ihre gesundheitlichen Wirkungen bekannt ist. Im Tai Chi wird, anders als in vielen Sportarten, der Fokus auf entspannte Bewegungen gesetzt. Die Grundlage dafür ist sowohl die Philosophie des Taoismus als auch biomechanische Prinzipien, mit denen es möglich ist, druckreduzierte Bewegungen auszuführen, die dennoch viel Kraftgenerierung ermöglichen. Die Kraft wird dabei nicht nur über die Muskeln erzeugt, sondern „ganzheitlich“ unter Zuhilfenahme von Sehnen und Bändern. Daher spricht man auch von einer elastischen Kraft.

Ich bin zum Tai Chi gekommen, weil ich seit meiner frühen Jugend verschiedene Kampfkünste und Kampfsportarten geübt habe. Ich habe nicht nur verschiedene Stile, sondern auch verschiedene Lehrer und Weggefährten kennengelernt. Im Strudel dieser Erfahrungen suchte ich nach Trainingsmethoden, die es möglich machen, auch körperlich überlegene Gegner zu besiegen. Diesen Anspruch vertritt zwar jede Kampfkunst, jedoch haben sich viele – gerade traditionelle – Kampfkünste von ihrem Ursprung entfernt, so dass ich lange nach passenden Trainingspartnern und Lehrinhalten suchen musste. Dies hat mich letztlich zum Tai Chi geführt, da ich dort nicht nur äußerst anschaulich biomechanische Prinzipien erleben kann, sondern auch die nicht greifbaren Aspekte einer Kampfkunst erfahren kann. Vieles, was zwischen Menschen geschieht, läuft nonverbal und ohne direkten Körperkontakt ab. Diese Zwischentöne einzufangen, habe ich im Tai Chi gelernt. Das heißt nicht, dass dies in anderen Kampfkünsten nicht möglich sei. Hier geht es ja nur um meinen Weg.

2. In welchen sportlichen Bereichen hast du noch Erfahrung?
Neben dem Tai Chi befasse ich mich noch mit einem japanischen Kampfkunstsystem, welches Bujinkan heißt. Es stammt aus dem 20. Jahrhundert, die darin vermittelten Inhalte sind jedoch teilweise mehrere hundert Jahre alt und ergänzen mein Tai Chi-Training hervorragend. Daneben praktiziere ich als Ergänzung Übungen mit der Kugelhantel, Qigong, Yoga, Feldenkrais und Funktionales Muskeltraining mit dem Gymnastikball.

3. Für wen ist Tai Chi geeignet?
Tai Chi ist für jeden geeignet, der Interesse daran hat, seine alten Bewegungsmuster zu verändern. Je nach Trainingsschwerpunkt können junge wie alte Menschen davon profitieren. Auch das Geschlecht spielt keine tragende Rolle. Jeder kann mitmachen und ist herzlich eingeladen, zu spüren, wie kraftvoll entspannte, weiche Bewegungen sein können.

4. Wie würdest du das Wesen des Tai Chi in einem Satz zusammenfassen?
Tai Chi lehrt mühelose Bewegungen, die durch Loslassen und Hingabe, nicht aber durch Willenskraft oder Anstrengung erreicht werden.

5. Was ist die Botschaft deines Buches?
Die Botschaft meines Buches ist: „Habe Mut, dich deines eigenen Körpers zu bedienen.“ Ganz im Sinne der Aufklärung, ist es mir ein Anliegen, den Menschen einen Weg zu zeigen, der sie von unbewusst eingeschliffenen, womöglich schädlichen Bewegungen wegführt und ihnen ein Bewusstsein vermittelt, mit welchem sie wieder Freude und Entdeckergeist mit ihren Bewegungen verbinden. Daher wird auch sehr viel Wert auf die Arbeit mit der bewussten Kraft, also mit der Vorstellungskraft, gelegt, denn mit dieser kann jeder seinen eigenen Körper erkunden und die Grenzen und Möglichkeiten seiner Bewegungsräume ausloten – ganz ohne zu Verspannen oder Überlastungen zu riskieren.

6. Warum hast du gerade jetzt dieses Buch geschrieben?
Die Idee hatte ich schon länger, habe aber erst mit dem Schreiben begonnen, als in mir das Gefühl vorhanden war, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Immerhin stehen hinter meinen Zeilen knapp 15 Jahre Erfahrungen mit Bewegung und Kampfkunst. Das muss erstmal alles verarbeitet werden! Ein ausschlaggebender Faktor war mein Wunsch, das, was ich durch Tai Chi gelernt habe, festzuhalten und anderen zugänglich zu machen, weil es in dieser Form meines Wissens nach noch nicht existiert. Es gibt viele Bücher über Tai Chi, aber die meisten beschränken sich auf die reine Darstellung von Formen, also Bewegungsabläufen. Die anderen sind zu theoretisch oder verwässern die an sich rationalen Inhalte mit esoterischen bzw. mystischen Lehren, was ganz sicher nicht im Wesen einer Kampfkunst begründet liegen kann.

Das Interesse an alternativen Übungssystemen nimmt zu und Tai Chi ist in der Öffentlichkeit als Entspannungs- oder Meditationssystem bekannt. Doch was oft vernachlässigt wird, ist, dass es sich um körperliche Arbeit handelt. Im Tai Chi lernt man mit dem Körper über den Körper. Daher muss so oft wie möglich das Bewusstsein mit dem Körper verbunden werden. Das gelingt nur, wenn man sich immer wieder die Tai Chi-Prinzipien in Erinnerung ruft und auch im Alltag seine Bewegungen entsprechend ausrichtet. Es ist nicht damit getan, einmal oder zweimal in der Woche einen Tai Chi-Kurs zu besuchen. Das mag das Gewissen erleichtern, führt aber zu keinen wesentlichen Veränderungen. Beständiges Üben – echtes „Gong Fu“ – ist unabänderlich, vor allem in Zeiten, in denen die Menschen ihren Bewegungsapparat durch Sitztätigkeiten oder Bewegungsmangel schädigen.

7. Kannst du den Inhalt in fünf Sätzen zusammenfassen?
Klar doch!
Erstens: Tai Chi ist ein Weg entspannter Kraft und kann nicht erzwungen werden.
Zweitens: Für ein effektives Training muss der Alltag bewusster gelebt werden.
Drittens: Das Entscheidende, ist der Umgang mit der eigenen Achtsamkeit, denn mit ihr steuert man sich durch das gesamte Leben.
Viertens: Tai Chi öffnet einen Paradigmenwechsel im Sportbewusstsein – statt „no pain no gain“ heißt es „let go and hover“.
Fünftens: Die Tai Chi-Prinzipien sind universell gültig und können in jede Sportart integriert werden.

8. Was empfiehlst du Lesern, die noch ganz am Anfang mit Tai Chi stehen?
Ich empfehle die Kontaktaufnahme zu Gleichgesinnten. Das kann über einen Verein oder über freie Übungsgruppen erfolgen. Wichtig ist, dass man Trainingspartner findet, mit denen man kritisch üben kann, um sich selbst zu überprüfen. Am Anfang habe ich mich immer wieder selbst belogen, indem ich viel zu viel Kraft für Bewegungen investiert habe. Mit einem Übungspartner konnte ich dann sehr leicht überprüfen, ob das, was ich mache, was taugt oder nicht. Je mehr Kraft ich aufgewendet habe, desto schlechter ging es. Je weniger Kraft, desto einfacher ging es. Natürlich kann man als Anfänger auch im Sinne meines Buches darauf achten, wie man sich im Alltag bewegt. Oftmals fallen dadurch bereits ungünstige Haltungen oder Bewegungen auf. Einfach innehalten und sich fragen: „Was mache ich hier eigentlich?“ oder „Wie fühle ich mich gerade?“ Solche Fragen bleiben nicht nur auf der körperlichen Ebene, sondern beziehen die gesamte Existenz eines Menschen mit ein. Tai Chi ist eine umfassende Kunst, in der Körper, Geist und Seele kultiviert werden. Des Weiteren empfehle ich Anfängern, sich viele verschiedene Lehrmaterialien zu suchen, um unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Der Kontakt zu einem guten Lehrer sollte auch vorhanden sein, da dieser die Tai Chi-Prinzipien nicht nur theoretisch erklären kann, sondern auch praktisch demonstrieren kann. Außerdem kann ein kompetenter Lehrer von außen Fehlhaltungen oder verschleißende Bewegungen erkennen, die man gerade als Anfänger nicht immer selbst entdecken kann. Wer wirklich Tai Chi lernen will, muss die für ihn passende Kombination aus Lehrerunterricht und Selbststudium finden.

9. Wie hat Tai Chi deinen Alltag verändert?
Meinen Alltag hat Tai Chi in der Weise verändert, dass ich viel bewusster als früher durch die Welt gehe. Ich achte auf Dinge, die ich vorher überhaupt nicht registriert habe – vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Ich spüre, wann eine Situation kippt oder wann sich Gefühle bei meinem Gegenüber verändern. So kann ich besser mit diesem agieren, da ich weiß, was mich erwartet. Natürlich spüre ich auch meinen Körper intensiver. Ich merke sofort, wenn mir eine bestimmte Situation, Bewegung oder Haltung nicht behagt und kann Änderungen vornehmen. Das hat letztlich mein gesamtes Leben beeinflusst. Man wird einfach sensibler für feinere Energien und kann mit diesen arbeiten.

10. Wird es noch weitere Bücher von dir zum Tai Chi geben?
Ja, ich plane noch mehrere Buchprojekte rund um Tai Chi. Als nächstes möchte ich den Kampfkunst-Aspekt des Tai Chi betrachten und darüber schreiben. Allerdings wird das noch eine Weile dauern, da ich ja auch noch Beruf und Familie habe. Solange ich aber Tai Chi übe, wird es immer Stoff für neue Bücher geben.

Foto: www.taiji-europa.de