Harald Lesch - Von der Wissenschaft zur Technik

Ja, die Erde hat Mensch – und wie! Mehr als sieben Milliarden von uns tummeln sich auf ihrer Oberfläche und tun das, was uns offenbar von der Evolution in die Wiege gelegt wurde: Wir verändern unsere Welt, weil wir es können.
Inzwischen hat dieser globale, kollektive Veränderungsprozess eine Intensität und räumliche Dimension erreicht, dass man bereits ein Erdzeitalter nach uns benennt. Das Anthropozän. Selbst in ferner Zukunft wird man nämlich unsere Spuren im Erdboden nachweisen können.

Können wir das noch aufhalten oder fahren wir das Raumschiff Erde an die Wand? Um sich Ihre eigene Meinung zu bilden, lesen Sie doch diesen Auszug meines Buches.

Harald Lesch

Auszug aus dem Buch „Die Menschheit schafft sich ab“:

Der Klimawandel – ein Menetekel, das die Natur an den Himmel schreibt

Im November 2015 erklärt das britische Met Office, dass die magische Ein-Grad-Celsius-Schwelle in diesem Jahr überschritten sei. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Mensch noch rund 1.000 Gigatonnen CO2 emittieren kann, bis die Zwei-Grad-Celsius-Grenze durchbrochen wird.
Mitte Februar 2016 verlautbart die US-Klimabehörde NOAA, dass der Januar 2016 weltweit der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880 war. Die Temperatur habe
global 1,04 Grad über dem Durchschnitt aller Januar-Werte im 20. Jahrhundert gelegen. Damit war der erste Monat des Jahres 2016 der neunte Monat in Folge, der einen neuen Temperaturrekord nach oben aufstellte. Ist das jetzt der Klimawandel oder nur eine etwas länger anhaltende Kapriole des Wetters?
Menschen haben ein Gefühl für das Wetter, aber für das Klima gibt es keine körperlichen Sensoren. Das Klima ist das über 30 Jahre gemittelte Wetter. Wissen Sie noch, wie das Wetter vor 30 Jahren war? Ich weiß es nicht; und das Klima, das vor 30 Jahren gemittelt worden ist?
Sie merken schon, beim Klima wird es schwierig. Abgesehen von der Definition, dass es sich dabei um das über 30 Jahre gemittelte Wetter handelt. Was wandelt sich denn da an dem gemittelten Wetter?
Das Allereinfachste ist natürlich, sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen. Der sagt, wenn es wärmer wird, dann schmilzt das Eis. Das ist ein guter Indikator: die Eisfläche, die auf der Erde existiert.
Die Gletscher zum Beispiel, was machen die? Genau, die verschwinden. Jetzt werden einige sagen, das haben die ja früher auch schon mal gemacht. Stimmt. Aber nicht so schnell, nicht in so kurzer Zeit. Betroffen sind nicht nur die Gletscher in Grönland oder am Südpol, sondern auf allen Bergen dieser Welt. Überall schmilzt das Eis. Warum? Weil es global wärmer geworden ist.
Wenn Eisflächen die Sonnenenergie reflektieren, verschwinden und sich in dunkle, Energie absorbierende Wasserflächen verwandeln, ist der Schritt in Richtung Instabilität getan. Es wird wärmer und wärmer, weil immer mehr Energie in dem System gespeichert wird.
Ein anderer Indikator für erhöhte Temperaturen ist Regen. Wenn es warm wird, verdunstet viel mehr Wasser. Die Luftfeuchtigkeit erhöht sich. Die mit Wasserdampf gesättigte Luft steigt auf und fällt als Regen wieder vom Himmel.
Das Fatale ist, dass sich diese Art von Veränderung sofort in der Atmosphäre bemerkbar macht. Mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre heißt auch mehr Energie. Auch da beginnen Prozesse, die das Klima instabil machen.
Der einzige stabile Faktor in der ganzen Klimaküche ist übrigens unsere Sonne. Sie ist rund 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt und strahlt Tag für Tag eine konstante Energie ab. Es gibt zwar Zyklen von Sonnenfleckenaktivitäten, es gibt die Präzession und Nutation der Erdachse, die die Position der Erde zur Sonne minimal verändern, aber alles das sind Prozesse, die über sehr lange Zeiträume ablaufen.
Klima ist ein Teil des Teils, der alles ist und wird von allen Teilen beeinflusst. Diese Teile, diese Sphären, die das Klima machen, sind auf der einen Seite die Natursphäre, auf der anderen Seite die Anthroposphäre.

Die Natursphäre setzt sich zusammen aus der Atmosphäre, der Hydrosphäre, der Kryosphäre, der Pedosphäre, der Lithosphäre und der Biosphäre. Wir leben auf dem Boden eines Luftmeeres, das ist die Atmosphäre. Die Hydrosphäre ist die Welt, des flüssigen Wassers, der Seen, Flüsse, Bäche, Ströme und der Ozeane. Die Kryosphäre ist die Eiswelt, der Nordpol, der Südpol, die Gletscher. Die Pedosphäre ist der von Böden bestimmte Bereich der Erdoberfläche. Die Lithosphäre umfasst die Lithosphärenplatten, die sich bewegenden Kontinentalplatten. Selbst die haben einen Einfluss auf das Klima. Je nachdem, ob die Kontinente zu einem großen Kontinent zusammendriften oder sich auf dem Globus verteilen, kommen ganz unterschiedliche Klimazonen zustande. Die Biosphäre ist das Reich des Lebens, die Flora und Fauna unseres Planeten. Die Anthroposphäre ist die Welt des menschlichen Handelns. In dieser Sphäre des Menschen ist die Technosphäre, die Welt
der Technik von besonderer Bedeutung. Mit ihr nutzen wir die Natur, um sie zu unseren Gunsten zu manipulieren.
Das ist das Thema von Beginn an: Der Mensch kommt auf die Welt und die Welt ist schon da. Wir wollen, dass sie so funktioniert, wie wir das gerne hätten. In der Technosphäre haben wir unsere kognitive Fähigkeit, Dinge zu verändern, zu verwandeln, zu manipulieren, zu konstruieren, zu simulieren so weit entwickelt, dass wir nicht mehr einfach nur das nehmen, was in der Natursphäre vorhanden ist, sondern wir machen Landwirtschaft, wir machen Industrie, wir machen Technologie: Häuser, Fabriken, Kraftwerke, Transport- und Informationsnetze.
Immer mehr und mehr. Zugleich verlangt diese Technik nach den Ressourcen aus der Natursphäre. Wir brauchen Energie und Rohstoffe.

400 Jahre Naturwissenschaften lassen uns verstehen, wie eng vernetzt die einzelnen Natursphären sind. In den letzten 50, 60 Jahren haben wir angefangen zu verstehen, dass der Mensch so tief in die Natur eingreift, dass man seine Tätigkeit und seine Wirkung in der Natur schon längst nachweisen kann und dass er damit die Natur total verändert hat.
Jetzt können wir systemisch die Sphäre des Menschen und die Sphäre der Natur zusammenbauen und uns anschauen, welche Wechselwirkungen da entstehen. Die Natur funktioniert einfach nach den Gesetzen der Natur. Während wir Menschen mit unseren Hoffnungen, Träumen, Visionen und Zielen natürlich noch was ganz anderes in diese Welt hineinbringen, etwas, was in der Natur so gar nicht vorgesehen ist. Man könnte es auch unsere Interessenssphäre nennen.
Das Problem des Klimawandels ist das Betriebsklima der Anthroposphäre, der Interessenssphäre, des komplexen Systems aus Energie- und Materialflüssen, das der Mensch in Bewegung gebracht hat.

Wir verändern die Welt andauernd. Das alles führt zu einem hochkomplexen System, dessen Entwicklung wir kaum noch vorhersagen können. Wer hätte schon vor 100 Jahren vorhersagen können, welche Arten von Technologien wir heute haben?
Niemand. Das bedeutet, dass wir bei den Eingriffen, die wir in der Natur vornehmen, heute viel vorsichtiger sein müssen, als in den letzten 100 oder 200 Jahren. Wir können nicht mehr
so weitermachen. Der Klimawandel ist ein Menetekel, das die Natur an den Himmel schreibt.

Engagiert Euch
Als Physiker bin ich ein Klimatheoretiker. Aber es gibt Wissenschaftler, die sich Tag für Tag mit den komplexen Veränderungen innerhalb des Klimas beschäftigen. Einer dieser Klimaexperten in Deutschland ist Prof. Dr. Mojib Latif.
Ich habe mit ihm gesprochen über die Trägheit des Klimasystems, die Trägheit des Politiksystems und die irrationale Risikotoleranz des Menschen, wenn es um die Klimaveränderungen seines Heimatplanten geht.

Hier geht es zum Video:

Das Buch zum Thema finden Sie hier.