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Könnt Ihr uns nicht fair und gerecht behandeln? – Ein Beitrag von Dr. Klaus Witt.
Wenn wir an Tiere denken, von Tieren sprechen, über die Beziehung „Tier und Mensch“ reflektieren, haben wir drei Gruppen von Tieren vor Augen.

1. Die Tiere, die frei in der Natur leben und die wir bewundern, bestaunen, beobachten, filmen, studieren, manchmal aber auch bejagen oder fangen.

2. Die von uns domestizierten Tiere, die in unserer Obhut, zu unseren Diensten leben, die wir in Kriegen als Transport- und Kampftiere verschleißen, die wir zur Arbeit nützen, auf dem Feld oder im Wald oder die wir zu Land, zu Wasser und in der Luft zu Jagdgehilfen ausbilden, die wir in Laboratorien, in der Wissenschaft als „Versuchskaninchen“ verbrauchen oder die wir auf Grund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten nützen, zum Beispiel als Helfer für Blinde und andere Behinderte, oder als Aufspürer von verschütteten und verschwundeten Menschen oder auch von Drogen, Krebszellen, Trüffel und anderer Dinge oder als Bekämpfer menschlicher und tierlicher Schädlinge und als Helfer und Unterstützer in vielerlei anderer Hinsicht.
Die Mehrzahl aller Tiere dient uns in der heutigen Zeit allerdings zu unserer Ernährung. Das heißt, wir züchten und halten sie, um sie aufzuessen oder um ihre Milch, ihre Eier, ihre Wolle und andere Produkte von ihnen zu erhalten.

3. Die Liebhabertier, die Hobbytiere, die wir uns zum Streicheln und Liebhaben halten oder die uns zur Ausübung bestimmter Sportarten als „Sportgeräte“ oder, bei einfühlsamerem Umgang, als Sportkameraden dienen oder die im Bestfall auch einfach als Lebenspartner unser Leben in erheblichem Maße emotional bereichern.

Seit Menschengedenken also sind die Tiere und ihr Schicksal eng mit uns Menschen verbunden. In dieser Zeit gab es Abermillionen von Menschen, die sie brutal missbraucht und auch Abermillionen von Menschen, die sich ihrer liebevoll angenommen haben.

Wer ein bisschen philosophischer, empathischer über Tiere nachdenkt, wird sich fragen, woher kommen sie eigentlich? Sind sie nicht gleichen Ursprungs wie wir? Sind sie nicht aus der „Ursuppe“ heraus entstanden und haben sich dann immer weiterentwickelt, ausdifferenziert, spezialisiert bis hin zur obersten Entwicklungsspitze, also bis hin zum Menschen?

Wir sind also, genau genommen, aus ihnen entstanden!
Der Mensch ist also auch ein Tier!
Ein hochspezialisiertes, intelligentes Tier.
Intelligenter noch als Hund, Affe, Delfin.
Aber ein Tier.
Ein Säugetier.

Sicher … eines, das abstrakt denken kann, sich selbst beäugen und über sich und seinen Sinn in diesem ganzen System schöngeistig nachdenken kann, aber von seiner biologischen Ausstattung her eben ein Säugetier.

Mögen Religionen sagen, was sie wollen. Nach wissenschaftlicher Erkenntnis sind wir Menschen Säugetiere und unterscheiden uns lediglich durch unsere hohe Intelligenz von anderen Tieren, denn soziale Kompetenz oder eine Art von Sprache zum Beispiel gibt es auch schon ziemlich gut entwickelt bei anderen Spezies.
Die Fähigkeiten, zu helfen, sich zu freuen, zu leiden, zu trauern, Angst, Furcht und Schmerz zu empfinden, sind nahezu identisch.

Mögen Religionen und Ideologien andere fragwürdige Erklärungen für die besondere Stellung des Menschen in der Natur konstruieren wie das Einhauchen göttlichen Odems zum Beispiel, es änderte selbst dies nichts an der Tatsache, dass wir alle, Mensch, Tier und Pflanze die gleiche Herkunft haben, aus dem gleichen Stoff, aus Sternenstaub, aus den gleichen chemischen Verbindungen geschaffen, vom gleichen Schöpfer erschaffen sind, egal ob wir ihn Gott oder Natur oder Wille oder Zufall oder wie auch immer nennen!

Wenn wir nun weiter über die Tier-Mensch-Beziehung nachdenken, werden wir uns unweigerlich die Frage stellen, wie wir mit diesen unseren entwicklungsgeschichtlich so nahen Verwandten, aus denen heraus wir uns selbst erst entwickelt haben, umgehen.

Bei der ersten Gruppe von Tieren ist es relativ einfach. Es sind dies die frei lebenden Tiere, die in der Regel unbehelligt von uns leben, wenn man davon absieht, dass unsere explosionsartige Vermehrung ihnen Quadratmeter für Quadratmeter ihres Lebensraumes wegnimmt und dass wir sie teilweise bejagen oder fangen, um sie in Menagerien angaffen, oder in besser und artgerechter ausgestalteten Tiergärten, nachzüchten und studieren zu können.

Die anderen beiden Gruppen allerdings werden sehr viel intensiver von uns vereinnahmt und leider sehr oft schlecht behandelt. Sei es aus übertriebener und falsch verstandener Tierliebe bei den Streicheltieren, die wir zu sehr vermenschlichen und zu Tode füttern oder nicht artgerecht genug beschäftigen, wodurch sie seelisch verkümmern oder sei es bei den Tieren, die wir ausnützen, um Produkte, wie Milch, Eier oder Wolle oder anderes von ihnen zu nehmen oder sie am Ende gar noch ihres Lebens zu berauben, um sie aufzuessen.

Man kann darüber streiten, ob die Forderungen moderner Tierethiker nicht über das Ziel hinausschießen, wenn sie von uns Menschen strikt vegane Ernährung fordern und Tieren sogar soziale Rechte wie Rente oder ähnliches zukommen lassen wollen, man kann aber meines Erachtens nicht darüber streiten, dass man jemand, den man hält, um ihn zu töten und aufzuessen, mindestens so gut behandeln muss wie jemanden, den man nur zum Streicheln hält!
Unbestreitbar ist unsere ethische Verpflichtung, eine tierliche Persönlichkeit, die man buchstäblich bis auf Blut und Knochen auszubeuten gewillt ist, zu Lebzeiten anständig, also artgerecht zu behandeln!
Unsere Menschenwürde sollte uns doch so viel wert sein, dass wir Lebewesen, die wir umbringen und aufessen wollen, mindestens so gut behandeln wie Lebewesen, an denen wir unseren Drang, jemanden lieb haben und streicheln zu wollen, abreagieren!
Genau genommen müssten sie sogar noch um einiges besser behandelt werden, bevor wir ihnen ihr Leben nehmen! Leben zu nehmen, auszulöschen, also etwas zu vernichten, das wir  selber sind und das wir mit unseren intelligentesten Ingenieuren, Wissenschaftlern und all unserer Hightech niemals erschaffen können, heißt, den Plan der Natur, der Welt, des Universums oder den Plan Gottes in dummdreister Hybris zu durchkreuzen!
Genau deshalb stehen wir tief in der Schuld der Tiere, aber auch der Pflanzen und der gesamten Umwelt!

„Nicht Barmherzigkeit, sondern Gerechtigkeit schulden wir dem Thiere“, sagt Schopenhauer. Überdenken wir also bitte immer wieder unseren Umgang mit jedem einzelnen Tier!
Darüber hinaus bedenke man auch die Auswirkungen auf den eigenen Charakter, die selbstherrliche und rücksichtslose Umgehensweisen mit Lebewesen nach sich ziehen!
Wer roh, gefühllos und brutal Tieren gegenüber ist, verroht auch gegenüber Menschen, wie schon Kant ausführte und wie der Volksmund tausendfach bestätigt:
„Wer nicht liebt Hund und Katz, der liebt auch nicht sein Schatz…“
Oder wie Goethe sagt: „Wer Tiere quält, ist unbeseelt und Gottes guter Geist ihm fehlt! Mag noch so vornehm drein er schaun, man sollte niemals ihm vertraun!“
Wer keine Empathie, kein Mitleid mit der Kreatur empfindet, die so nah mit ihm verwandt, die in ihrer Leidens- und Freudensfähigkeit mit ihm nahezu identisch ist, der tut auch den nächsten Schritt und verfährt seinen Artgenossen gegenüber ebenso!
„Die Erde ist für die Tiere die Hölle und die Menschen sind ihre Teufel!“, sagt Eugen Drewermann. Und so rufen uns die Tiere mit traurigen, flehenden Augen zu:

„Ihr Menschen habt uns zu Kriegs- und Friedenszeiten, da macht Ihr keinen Unterschied, unser Herz herausgerissen, unser Hirn und unser Blut verspritzt, unser Fleisch bis auf die blanken Knochen abgezogen, unsere Kinder, kaum geboren, uns weggenommen und zerstückelt! Im besseren Falle werden wir zur Abwechslung fett und zu Tode gehätschelt und aus Liebe, wie Ihr sagt, eingesperrt und unserer Lebensbedürfnisse beraubt! Selten nur begegnet Ihr uns als faire Partner und respektiert unser Leben! Dabei sind wir doch aus der gleichen Ursuppe wie Ihr herausgeboren, vom gleichen Schöpfer erschaffen, bestehen aus den gleichen chemischen Verbindungen, aus Sternenstaub, können uns freuen und leiden, empfinden Schmerz und Wohlbefinden wie Ihr! Könnt Ihr uns nicht fair und gerecht behandeln? Oder uns einfach in Ruhe lassen? Nicht von ungefähr hat Euer berühmtester Heiliger, Franz von Assisi, ausgerufen: „Ach, Ihr armen Tiere, warum lasst Ihr Euch von den Menschen fangen?“

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Der Beitrag wurde von unserem Autoren Dr. Klaus Witt verfasst. Ein schwarzer Wolfshund war dabei, als er 1953 geboren wurde. Die Liebe zu den Tieren begleitet ihn auch heute noch durch die tägliche Praxis als Tierarzt. Weitere Leidenschaften sind die wunderbare Inselwelt von Capri sowie die tiefen Gedanken der Philosophie. Seine ganz persönliche Lebensweisheit: Reich ist nicht der, der viel besitzt, sondern der, der viel gibt.

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