Yellowstone_Nationalpark_USA

Die Nationalparks der USA. Unsere Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten führt diesmal über den Highway 49 und die imposanten „Craters of the Moon“ in den Yellowstone-Nationalpark. „Ich bin fertig!“ Im Vorübergehen, stolz, aber wie nebenbei, teilt der rundliche kleine Mann der sympathischen Dame an der Kassa des „Safeway“-Supermarkts die frohe Nachricht mit.

„Wirklich? Darf ich es sehen?“, ruft sie strahlend zurück, während sie die meinen Einkauf abrechnet.

Er nickt und schlurft an uns vorbei. „Ja, jederzeit!“, sagt er in gleichgültigem Tonfall, würdigt sie keines weiteren Blicks und steuert auf den Ausgang zu. Allzu gute Bekannte offensichtlich. Aber das fröhliche Gemüt der Frau bleibt ungetrübt. „Danke für die Einladung!“, ruft sie ihm nach. Dann bemerkt die Kassierin meinen neugierigen Blick und erklärt entzückt, dass dieser Mann soeben seine gesamte Grünfläche gegen künstlichen Rasen ausgetauscht habe. Das sei doch großartig. Sobald sie genügend Geld habe, würde sie das auch sofort tun.

Vorsichtig gebe ich zu verstehen, dass mir diese Heldentat nicht wirklich einleuchtet. Immerhin bin ich in die USA gekommen, um hier die großen Nationalparks zu besuchen. „Finden Sie nicht, dass die Natur auch recht schön … dass etwas Natürliches doch eigentlich besser ist als Kunstrasen?“

„Aber nein“, wehrt sie entschieden ab. „So ein Rasen sieht absolut perfekt aus. Man braucht ihn weder zu mähen noch zu gießen.“ Und weniger Arbeit im Garten würde doch bedeuten, dass sie und ihr Mann mehr Freizeit hätten, um drinnen gemütlich fernzusehen.

Dieser bezwingenden Logik habe ich nichts entgegenzusetzen, und während ich den Proviant für die nächsten Tage einpacke, fällt mir das Bonmot eines Verwandten ein, der über die USA einmal bemerkte, Amerika wäre ja recht schön, wenn da nur die Amerikaner  nicht wären …

Patriotisch, naturfern und übergewichtig?

Nein, eigentlich sind solche Vorurteile Unsinn. Klar, auf Deutsche oder Österreicher mögen US-Amerikaner bisweilen etwas einfältig und allzu leicht manipulierbar wirken, und bisweilen hat man in Gesprächen tatsächlich den Eindruck, sich in einen TV-Werbespot verirrt zu haben. Aber die offene, vertrauensselige Haltung, die dem zugrunde liegt, könnte ich nicht guten Gewissens einfach als falsch verurteilen. Jedenfalls findet man die menschliche Wärme, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die uns auf dieser Reise als Selbstverständlichkeit immer wieder begegnet, in unseren Breiten eher selten.

Überzogener Patriotismus?
Klar, amerikanische Flaggen in allen Größen und Formen werden in den USA inflationär eingesetzt. Man findet sie praktisch überall, auf Autos und Farmen, an Fassaden und auf Dächern, als T-Shirt oder Hausbemalung. Und auf ihre „verlässlichen Jungs in der Army“ sind natürlich auch alle stolz. Aber hinter dieser Haltung steht, wie sich auf unserer dreiwöchigen Reise durch sieben US-amerikanische Bundesstaaten angenehmerweise immer wieder zeigt, keinerlei Fremdenfeindlichkeit. Im Gegenteil: Das Interesse an allem Neuen, Unbekannten ist ausgeprägt und echt, und ich lerne aus meinen Gesprächen, dass Österreicher in den USA immer noch zur Kategorie exotischer Raritäten zählen. Arnold Schwarzenegger zum Trotz.

Naturferne?
Jedenfalls ist die Begeisterungsbereitschaft auch für zweifelhafte „Segnungen“ der Technik in den USA offenbar besonders groß. Auf dem Campingplatz von Arco werden beispielsweise T-Shirts angeboten, die die Stadt als „erste ausschließlich mit Atomkraft betriebene City der Welt“ bewerben. Andererseits gibt es keine bekannte Umweltschutz-Strategie – von der Mülltrennung über Bio-Lebensmittel bis hin zur Plastikvermeidung oder Solar- und Windenergie –, für die nicht auch in den USA heftig geworben würde.

Eine Nation der Übergewichtigen?
Mancherorts – aber sicher nicht in den Nationalparks – wälzen sich wohl mehr fettleibige Menschen durch die Straßen als im deutschsprachigen Raum. Und meist werden die Vereinigten Staaten ihrem Image als Fast-food-Nation auch gerecht. Vor allem in den Großstädten und Touristenzentren bieten „Restaurants“ oft nicht das, was verwöhnte Gourmets unter dieser Bezeichnung erwarten. Meist kommen hier nur irgendwelche Fastfood-Varianten auf den Tisch – Fertiggerichte, serviert in Plastikbehältern, essbar mit Plastikbesteck. Dennoch: Die Vorstellung, die meisten Amerikaner würden sich ausschließlich im Supersize-me-Modus ernähren und könnten ihr Körperfett kaum noch fortbewegen, ist eine entstellende Übertreibung. Mit etwas Mühe lassen sich allerorts gute Gasthäuser finden, und Städte wie San Francisco (wo man in jedem Tag des Jahres in einem anderen Restaurant speisen könnte) oder San Diego erweisen sich sogar kulinarische Hochburgen. –

Ob sich Vorurteile bestätigen, darüber entscheiden letztlich immer persönliche Blickwinkel und Sympathien. Der schnaufende, schwer übergewichtige amerikanische Junge beispielsweise, der auf den Boardwalks des Yellowstone-Nationalparks nur mit Mühe vorankommt, sich aber überschwänglich an den Wundern der Natur erfreut, ist mir in diesem Moment weitaus sympathischer als der deutsche Tourist, der sich mit schneidender Stimme darüber echauffiert, wie unverantwortlich es doch von „den Amerikanern“ sei, „ihre Kinder so fett zu füttern“.

Bizarre, schwarzgrüne Einöde

Aber halt! Noch trennen uns ein paar hundert Meilen vom Yellowstone Nationalpark. Nachdem wir im US-Bundesstaat Kalifornien die Nationalparks Sequoia, Kings Canyon und Yosemite durchquert und sie uns auch ein wenig „erwandert“ haben (siehe Teil 1 dieser Reportage) – und den ob seiner Hitze berüchtigten „Wüstenpark“ Death Valley auslassen mussten, weil unser Wohnmobil-Vermieter Reisen in die bis zu 45 Grad heiße Gegend ausdrücklich verboten hatte –, überqueren wir nun den 3.000 Meter Hohen Tioga-Pass in Richtung Mono Lake. Phantastische Ausblicke, Meile für Meile!

Dann der anvisierte Zwischenstopp: Gäbe es auf dem Mond einen See, er würde wahrscheinlich so aussehen wie diese Wasserwüste nahe der Geisterstadt Bodie. Überhaupt: Wer tiefer in die Geschichte des Wilden Westens eintauchen und das bestens konservierte Goldgräber-Flair genießen möchte, sollte sich Zeit nehmen für den Highway 49 zwischen Sonora und Nevada City. Entlang der Vorberge der Sierra Nevada reiht sich hier ein namhaftes Städtchen an das nächste: Hangtown, Angels Camp, Chinese Camp, Jackson, Columbia …

Uns aber zieht es weiter in Richtung Nordosten. Auch der weltbekannte Lake Tahoe, die kalifornische Schweiz, dieses ins Gebirge gebettete Mega-Tourismuszentrum, dient nur als kurzer Zwischenstopp. Nett anzusehen; lustig, am Ufer des Sees etwas über die Geschichte eines verbotenen Casinos und eines Sheriffs zu erfahren, der gegenüber der ungesetzlichen Spiellust seiner Zeitgenossen ziemlich hilflos agierte; romantisch, die „Ecke“ vor sich zu erleben, die Kate Bush zu ihrer Winterballade über eine viktorianische Geisterlady inspirierte … aber nicht attraktiv genug, um uns länger aufzuhalten.

Wir durchqueren die Wüste Nevada, lassen uns im Bundesstaat Idaho zu einem letzten Abstecher ins berühmte Sun Valley verleiten (das schon Ernest Hemingway schätzte, uns unvorbereitete Herbst-Tagesgäste aber eher enttäuschte), und wollen nun so schnell wie möglich Yellowstone erreichen.

Doch an diesem späten Nachmittag, kurz vor dem Sonnenuntergang, hindert uns der Blick durch die Windschutzscheibe – wieder einmal – am Weiterfahren: Ringsum schwarzblauer Schotter, erstarrte Lavaerde, dazwischen das tiefe Grün junger Vegetation, und alles vom Abendlicht in kräftiges Orangerot getaucht: „Craters of the Moon“ heißt diese einzigartige Hügellandschaft, eine bizarre Öde, die zu stillem Staunen zwingt … sofern man nicht US-Astronaut ist und hier seine Trainingsstunden absolvieren muss.

Über den Westeingang ins Jenseits

Tags darauf ist das große Ziel unserer Reise erreicht: Über den Targhee-Pass und den nahe gelegenen West-Eingang im US-Bundesstaat Montana erreichen wir den Yellowstone-Nationalpark. Und hier tut sich Schritt um Schritt eine unwirkliche „Jenseitswelt“ auf, zunächst nur als dampfender Horizont in der Ferne, in der Nähe dann als überwältigende Farben- und Formenpracht. Die insgesamt 300 Geysire und 10.000 heißen Quellen – jeder kleine See ein kostbares Juwel, das durch Mikroorganismen, je nach Temperatur, in unterschiedlichsten Farbkompositionen zum Funkeln gebracht wird – ziehen uns tagelang in den Bann. Erstmals empfinde ich einen Schauer, den ich nur mit „atemberaubend“ beschreiben kann – im Bewusstsein, dass ich diesen Begriff künftig vielleicht nie wieder verwenden werde, um ein ähnliches Erlebnis in Worte zu fassen. Denn es gibt kein ähnliches Erlebnis.

Yellowstone ist der älteste Nationalpark der USA und der erste der Welt. Am 1. März 1872 wurden die Geysire, die Berge und Seen, Wasserfälle, Canyons und Wälder unter Schutz gestellt und für die Allgemeinheit erschlossen. Heute sorgen auf den fast 9.000 Quadratkilometern Parkfläche mehrere Besucherzentren und Museen dafür, dass auch Menschen, die kein Bedürfnis nach Wildnis haben, bequem Natur konsumieren können. Zum Beispiel eine Eruption des berühmten Geysirs „Old Faithful“: Sie wird im nahegelegenen Park-Center auf plus/minus zehn Minuten genau angekündigt, und der „treue Alte“ enttäuscht nie. Überraschend bleibt nur, wie hoch der brodelnde Untergrund das heiße Wasser diesmal gen Himmel pusten wird.

Aber weder die Touristenströme – etwa drei Millionen Besucher aus aller Welt besuchen jedes Jahr den „Yellowstone“ –, noch das gut ausgebaute Straßen- und Wegenetz, noch die vielen anderen zivilisatorischen Errungenschaften können ganz vergessen machen, dass unter diesem Paradies, in 8 Kilometern Tiefe, die Hölle lodert – der größte Supervulkan des amerikanischen Kontinents. Vor etwa 1,3 Millionen Jahren ist er ausgebrochen, dann erneut vor 640.000 Jahren – und liegt darin tatsächlich eine Art Rhythmus, dann steht eine neue Eruption unmittelbar bevor. Und damit nicht irgendein Vulkanausbruch: Sollte sich der Yellowstone-Vulkan wirklich entfesseln, dürften die katastrophalen Folgen auf der gesamten Nordhalbkugel spürbar sein …

Noch lässt sich diese Urgewalt im Untergrund bestenfalls erahnen – im Brodeln und Gurgeln der Teiche und Schlammtöpfe. Auf den kilometerlangen, rollstuhlgerechten Boardwalks fühlt man sich sicher. Und wenn irgendwo das heiße Wasser plötzlich meterhoch aus einer Pfütze spritzt, so wirkt das eher spielerisch und neckisch denn bedrohlich.

Doch allzu romantische Interpretationen des Naturgeschehens überdecken manchmal auch Empfindungen, die zur Vorsicht mahnen wollen. Die Park-Ranger des Yellowstone wissen ein Lied zu singen von Touristen, die sich Elchen, Bisons, Schwarz- und Grizzlybären so unvernünftig nähern, als wären sie im Zoo … oder als wäre das, was sie sehen, doch nur eine Fernsehdokumentation. Und der künstliche Rasen im Garten hinter dem Haus die eigentliche Wirklichkeit.

Werner Huemer

(Die Reportagen-Reihe über die Nationalparks der USA wird fortgesetzt)

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