BruyceCanyon

Die Nationalparks der USA. Unsere Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten führt diesmal über den Highway 49 und die imposanten „Craters of the Moon“ in den Yellowstone-Nationalpark. „Yellowstone ist schön, klar, aber was Sie unbedingt sehen müssen, ist Grand Teton. Der ist wirklich einzigartig!“ Die in die Jahre gekommene Rangerin, der ich erzählt habe, dass wir auf unserer Reise durch den Westen der USA schon einige Nationalparks besucht haben und noch ein paar weitere sehen wollen, meint es gut mit uns. Und es wäre nicht das erste Mal, dass wir die besten Tips nicht aus dem Reiseführer, sondern von netten, hilfsbereiten Landsleuten bekommen.

Der Grand Teton Nationalpark also.

Zunächst steht aber noch ein Tagesausflug auf unserer Reiseziel-Wunschliste. Er führt von Yellowstone nach Cody in den Bundesstaat Wyoming, mitten ins Zentrum des Wilden Westens. Hier gibt Buffalo Bill noch heute den Ton an: Ein mehrstöckiges Museum mit aufwändigen Multimedia-Ausstellungen und einem Skulpturenpark präsentiert „den wirklichen amerikanischen Westen“: Natur und Kultur, Tiere und Feuerwaffen, Indianer und Cowboys … so sehenswert, dass sie auch in der Reiseplanung von weniger an Geschichte interessierten Touristen mit wenigstens einem Tag veranschlagt werden sollte.

Grand Teton also.

Dieser Nationalpark liegt nur ein paar Meilen vom Yellowstone entfernt, unweit vom Südportal. Die Szenerie: mächtige, schroffe Berggipfel, über 4.000 Meter hohe Türme. Beeindruckend, gewiss … aber wirklich außergewöhnlich? Für zwei Österreicher? Schließlich sind wir nicht in die USA gereist, um das zu erleben, was wir ohnehin „vor der Haustür“ sehen können. Oder sind wir einfach so verwöhnt und betriebsblind geworden, dass wir das Einzigartige, das die eigene Heimat bietet, nicht mehr ausreichend wertschätzen und visuelle Schätze immer nur in der Ferne vermuten? Der Gedanke beschäftigt mich. Der Tipp, liebe Rangerin, war auf jeden Fall erkenntnisreich.

Kurzer Rasen und lange Glaubenstradition

Wir reisen weiter in Richtung Süden und besuchen im Bundesstaat Utah, begrüßt von dichten Vogelschwärmen, die Salzseewüste „Antelope Island“, und danach die fast schon zu Tode gepflegte Mormonen-Metropole Salt Lake City. Hier im Zentrum herrscht absolute Sauberkeit. Kein Grashalm am Wegrand überragt die Betonkante, keine Fassade ist verschmutzt. Und jeder Blick wird vom Missionsgedanken geleitet: Ob er nun beispielsweise auf den „Salt Lake Tempel“ fällt, der Ende des 19. Jahrhunderts als Zentrum des 40.000 Quadratmeter umfassenden „Temple Square“ errichtet wurde, oder auf die prächtigen Hochhäuser der „Zion Bank“ oder der „Key Bank“, die das Symbol des Himmelsschlüssels plakativ in den Dienst der Geldwirtschaft stellt.

Im deutschsprachigen Raum werden die Mormonen (eigentlich ist das eine Sammelbezeichnung für mehrere Glaubensgemeinschaften, die sich auf das 1830 veröffentlichte „Buch Mormon“ berufen) meist ins Sekteneck gerückt und damit – wie alle anderen Glaubensgemeinschaften abseits der etablierten Kirchen – als Außenseiter gebrandmarkt, denen man zumindest vorsichtig begegnen sollte.

In den USA sieht man Religiosität im allgemeinen weniger eng – und gleichzeitig hat sie einen höheren Stellenwert im gesellschaftlichen Leben als bei uns. 80 von 100 US-Amerikanern gehören einer Glaubensgemeinschaft an, 75 von den 80 einer christlichen Gemeinschaft. Mehr als die Hälfte der Amerikaner gibt an, regelmäßig zu beten, etwa 40 Prozent besuchen mindestens einmal pro Woche eine Kirche.

Traditionell prägen in den USA überwiegend evangelische Gemeinschaften den christlichen Glauben. Da die Protestanten aber unterschiedlichen Konfessionen angehören, kann die römisch-katholische Kirche von sich behaupten, in den meisten Bundesstaaten die größten Glaubensgemeinschaften zu bilden. Nur eben nicht in Idaho und Utah. Denn hier „regieren“ die Mormonen, die USA-weit drittgrößte konfessionelle Gemeinschaft. Deren wichtigste Glaubensgrundlage ist zwar auch die Bibel, aber sie gehen davon aus, dass die Schriften des Neuen Testaments nicht die letzten Offenbarungen waren und betrachten das „Buch Mormon“ ebenfalls als „heilige Schrift“. Zurückgehen soll diese Textsammlung auf den Propheten Mormon und dessen Sohn Moroni. Um etwa 400 n. Chr. sollen diese beiden auf Goldplatten überlieferte Berichte des Propheten Nephi (um 600 v. Chr.) zusammengefasst und durch eigene Offenbarungen weitergeführt haben: Nephi und seine Familie seien demnach schon 1.000 Jahre vor Mormon im Auftrag Gottes per Schiff von Jerusalem nach Amerika gelangt und hätten dort eine große Zivilisation entwickelt.

Öffentlich gemacht und ergänzt durch ein neues, besonders Glaubensbekenntnis hat all das Joseph Smith (1805–1844), der 1830 „Die „Kirche Christi“ (ab 1834 „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“) gründete. Ihm sei (im Jahr 1823) Moroni als Bote Gottes erschienen – mit dem Auftrag, den Menschen „die Fülle des immerwährenden Evangeliums“ zu bringen. So entstand eine neue Kirche, die heute mit dem Hinweis auf die jetzige „Endzeit“ („die letzten Tage“) und den Wert neuerer Offenbarungen weltweit Missionsarbeit betreibt.

Joseph Smith lebte in der Stadt Nauvoo, im vom Salt Lake weit entfernten US-Bundesstaat Illinois, wo er zuletzt auch als Bürgermeister tätig war. Als eine neue örtliche Zeitung, der „Nauvoo Expositor“, in ihrer ersten (und letzten) Ausgabe seine Lebensweise als anstößig verurteilte und ihn als gefallenen Propheten bezeichnete, erwirkte Smith den Beschluss des Stadtrates, Druckstöcke und Druckpresse zu vernichten. Wegen dieses Angriffs auf die Pressefreiheit musste er in Untersuchungshaft und wurde letztlich von einer aufgebrachten Menschenmenge durch Schüsse getötet. Dieser Lynchmord beendete das Leben des Religionsgründers – keine himmlische Szene aus dem Wilden Westen.

Amphietheater aus rotem Stein

Die Stadt Salt Lake City wurde im Jahr 1847 vom Nachfolger Joseph Smiths, Kirchenpräsident Birgham Young (1801–1877), gegründet. Er zog Mitte des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit den meisten seiner Glaubensgenossen aus Nauvoo, der ursprünglichen Mormonen-Stadt, 2.000 Kilometer westwärts – in ein Gebiet, das damals noch zu Mexiko gehörte und praktisch Niemandsland war. Hier konnte man sich vor den Feinden des neuen Glaubens weitgehend sicher fühlen.

Und die Mormonen – ursprünglich sollen es nach der Überlieferung 143 Männer, drei Frauen und zwei Kinder gewesen sein – schafften es, in einer relativ unwirtlichen, aber landschaftlich überaus beeindruckenden Gegend Fuß zu fassen. Einige der strenggläubigen Siedler fanden dann auch jenen „Zufluchtsort“ – in hebräischer Sprache „Zion“ –, der einem der schönsten Nationalparks der USA seinen Namen gab: Der „Zion Nationalpark“ ist für Wanderer und Kletterer ein (gar nicht so) kleines Paradies – und bietet auch unerwartete Abenteuer. Zum Beispiel für uns Wohnmobil-Reisende. Die Zufahrt in den Park führt nämlich durch einen niedrigen, dunklen Tunnel, der in den 1920er Jahren in den Fels geschlagen worden war – als Autos noch klein und selten waren. Damit den Zion-Mt. Carmel-Tunnel ein größeres Fahrzeug wie unseres ungefährdet passieren kann, wird der Gegenverkehr angehalten – und ich als Lenker dazu, das Licht anzuschalten und genau in der Mitte zu fahren, damit der Wohnmobil-Aufbau nicht an der abgerundeten Tunneldecke streift. Ein spannendes Unterfangen, das sich letztlich allerdings als weniger aufregend erweist als die professionalisierten Warnungen für unseren „Schwertransport“ im Vorfeld.

Ausgehend vom Besucherzentrum des „Zion Nationalparks“ sorgen dann Shuttle-Busse für den Transport zu den wichtigsten Aussichtspunkten und Wanderrouten – etwa in das Gebiet des „Temple of Sinawava“ oder zum wasserspeienden „Weeping Rock“.

Aber all diese Eindrücke, oder auch der „Red Canyon“, oder das Nationalmonument „Cedar Breaks“ mit seinen bizarren Formationen aus Sandstein, alle diese Erlebnisse inmitten der großartigen Naturlandschaften von Utah sind letztlich nur eine sanfte Einstimmung für das, was uns mit dem „Bruyce Canyon“-Nationalpark erwartet: ein weites Amphietheater aus rotem Fels.

Unglaublich.

„Hoodoos“ werden die farbigen Säulen an der Abbruchkante des Paunsaugunt-Plateaus genannt. Der Wind hat diese Großstädte aus Stein in den letzten 50 oder 60 Millionen Jahren geformt – und sicher nur als Atem machtvoller Naturwesen, die hier ein Postament für die Überzeugung, dass höhere gestaltende Mächte über uns walten, in die irdische Welt gemeißelt haben. Nüchternere Gedanken lassen die wohligen Begeisterungsschauer angesichts dieser Schönheit kaum zu. Außer vielleicht, aber das ist nebensächlich, dass der „Bruyce Canyon“ alles ist, nur gewiss kein Canyon. Denn es gibt weit und breit keinen Fluss.

Dafür aber einzigartige Wandermöglichkeiten am Rand des steinernen Amphietheaters und auch – auf dem laut Werbung „schönsten Drei-Meilen-Weg der Welt“ – hinab in das Labyrinth aus rötlich getönten Figuren, Pyramiden, Säulen und zig Meter hohen Baumriesen, die zwischen dem Stein hinauf zum Licht gefunden haben. Die Farben hier unten sind so allgegenwärtig sonderbar, dass der automatische Weißabgleich meiner Filmkamera völlig versagt und den braunroten Stein in ein lächerliches Pink verwandelt.

Das lange Zeit touristisch kaum erschlossene Gebiet auf dem Colorado-Plateau im Südwesten Utahs – etwa 80 Kilometer vom Zion-Park entfernt, aber etwa 300 Meter höher gelegen – wurde erst im Jahr 1928 zum Nationalpark erklärt. Seinen Namen erhielt es von dem schottischen Schiffbauer Ebenezer Bruyce, einem der ersten weißen Siedler. Auch er gehörte den Mormonen an, die das Gebiet Mitte des 19. Jahrhunderts erkundeten, um zu erforschen, ob es sich für die Viehzucht oder den Ackerbau eignen könnte. 1868 baute Bruyce übrigens die „Pine Valley Chapell“, eine Kapelle in der Form eines umgedrehten Schiffsrumpfes. Sie gilt heute als die am längsten kontinuierlich genutzte Kirche der Mormonen.

Eine Tagesreise für nur zehn Meilen

„Bruyce ja, Canyon nein“, lautet meine Kurznotiz. Aber kein Problem. Der „Canyon aller Canyons“ steht sowieso noch als „Muss“ auf unserer Reise-Wunschliste …

Und da sind wir.

Zunächst erwandern wir uns das weniger bekannte „North Rim“, zumindest den für den Tourismus erschlossenen Hauptpfad am Nordrand. Der krönende Abschluss unserer Reise durch die Nationalparks im Westen der USA!

Rund 2.250 Kilometer weit fließt der Colorado River von Colorado in den „Gulf of California“ und hat dabei den 450 Kilometer langen „Grand Canyon“ in das Colorado-Plateau gegraben, eine spektakuläre Naturlandschaft, die zu den größten Naturwundern der Erde zählt. Seit 1979 trägt sie das Prädikat „Weltkulturerbe“, um, wie wir aus dem Guide erfahren, „1,8 Milliarden Jahre Erdgeschichte“ zu schützen, „einschließlich einer Vielzahl von Fossilien aus vorgeschichtlichen Meeren und Wüstengebieten. Von der Canyonebene bis hinunter zum Colorado River bieten fünf Lebenszonen 1.750 Pflanzen- und 538 Tierarten eine ökologische Heimat“.

Vom Nordrand kann man zum touristisch noch besser erschlossenen (und ob seiner Nähe zu Las Vegas auch viel bekannteren) Südrand des Canyons blicken. Der Abstand beträgt nur 10 Meilen, also 16 Kilometer. Aber wer mit dem Auto von einem Punkt zum anderen will, hat eine Tagesreise zu bewältigen.

Dafür kann sich, wer will, am Südrand die Canyon-Highlights per Shuttle-Bus „erobern“. Die Touristenströme – etwa fünf Millionen Besucher im Jahr – werden hier perfekt organisiert auf mehrere Busrouten verteilt. Und natürlich würde auch der „South Rim“ Wandergelegenheiten für viele Tage bieten.

Da ist er wieder – unser unangenehmer Reisebegleiter, der Kampf mit dem Kalender. Denn wir haben, alles in allem, nur knapp vier Wochen zur Verfügung. Monate wären nötig.

Also beschließen wir, die weiteren Zielpunkte auf unserer Reiseroute nur noch zu „streifen“. Und die Entscheidung erweist sich als richtig. Klar, die Zaubershow von David Copperfield im MGM-Theater von Las Vegas „kann auch etwas“, der phantastische Safari-Park von San Diego oder die Besichtigung der „Universal Studios“ von Hollywood in Los Angeles sind allemal eine Reise wert. Auch die Lockungen menschlicher Kunstwelten faszinieren auf ihre Art.

Tief empfundene Begeisterung hat mir indes in dieser wunderbaren Zeit immer nur die Natur geschenkt.

 

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