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Tai Chi ist eine chinesische Kampf- und Bewegungskunst. Sie zeichnet sich durch langsame und geschmeidige Bewegungen aus, kann aber auch äußerst explosiv und kraftvoll sein. Da Tai Chi in erster Linie als Kampfkunst konzipiert wurde, ist ein tiefergehendes Verständnis für die Bewegungen nur über den Weg der Kampfkunst möglich. Tai Chi ist mit seiner besonderen Entspannungsqualität auch als gesundheitliche Übung und Meditation bekannt. In vielen Reha-Kliniken werden Tai Chi-Kurse angeboten, um Körper und Geist in einer ganzheitlichen Weise zu kräftigen.

Wer an Tai Chi denkt, hat vermutlich eine Gruppe älterer Chinesen vor Augen, die in einem Park langsame Bewegungen ausführen. So wird zumindest in den Medien diese alte Kampf- und Bewegungskunst vorgestellt. Doch Tai Chi hat weit mehr zu bieten als langsame meditative Bewegungen. Von seinem Ursprung her ist Tai Chi eine Kampfkunst, deren Prinzipien fest mit der chinesischen Geisteswelt verbunden sind. Heutzutage wird Tai Chi vor allem wegen seiner gesundheitlichen Wirkungen praktiziert.

Was ist Tai Chi?

Tai Chi ist eine Abkürzung für Tai Chi Chuan oder Taijiquan. Es kann als „Kampfkunst des allerhöchsten Prinzips“ übersetzt werden und bezieht sich damit auf eine alte taoistische Vorstellung, wonach die gesamte Welt in polare Kräfte geteilt ist. Diese Polarität wir durch die Yin- und Yang-Energie aufrechterhalten. Die Einheit der beiden Kräfte wird als Tai Chi bzw. Taiji bezeichnet und im bekannten „Yin-Yang-Symbol“ dargestellt. Mit dem Namen ist bereits das Programm der Kampf- und Bewegungskunst genannt: Es geht um die Methode, bestmöglich mit der Polarität zu agieren. Da Tai Chi eine Kampfkunst ist, lässt sich diese Idee anhand der kämpferischen Anwendung besonders deutlich zeigen: Auf eine Aggression soll man nicht mit Aggressivität reagieren, sondern mit maximaler Entspannung und Weichheit. Dadurch bleibt man flexibel und kann der aggressiven Energie ausweichen bzw. diese auf den Aggressor zurücklenken. Das Wechselspiel von Yin und Yang, welches in der Natur stets zu beobachten ist, wird auf den Kampf und den Umgang mit dem eigenen Körper angewendet. Ziel ist es, im Zustand der Ausgeglichenheit zu ruhen, um jederzeit die maximale Kraft freisetzen zu können. Diese Kraftgenerierung kann jedoch nicht gelingen, wenn man angespannt ist oder unter Druck steht. Durch die Anspannung würde man – bildlich gesprochen – nur mit angezogener Handbremse fahren, sich also selbst also im Wege stehen. Deswegen legt Tai Chi den Schwerpunkt auf die Entspannung, um aus dieser eine große Kraft zu erzeugen. Dazu gehört auch die Kultivierung einer entspannten Geisteshaltung, um unnötigen psychischen Druck loszulassen und die Präsenz für den Augenblick zu schärfen.

Tai Chi ist eine sogenannte innere Kampfkunst. Dieser Begriff ist nicht eindeutig definiert, kann aber auf folgende Merkmale beschränkt werden: Es handelt sich um eine aus China stammende Kampfkunst und ihr Trainingsschwerpunkt liegt auf körperinneren Prozessen wie Gewichtsverlagerung, Muskeltonus und Aufmerksamkeitssteuerung. Andere innere Kampfkünste sind Xing Yi Quan, Baguazhang, Yi Quan oder Liuhe Bafa. Alle vier Stile haben einen deutlichen Bezug zum Taoismus und sind durch fließende Bewegungen gekennzeichnet.

Die Geschichte des Tai Chi

Über die Entstehung des Tai Chi liegen zwei Legenden vor. In der einen geht Tai Chi auf die Bemühungen von Bodhidharma (440-528) zurück, der eine spezielle Form bewegter Meditation gelehrt haben soll. In der anderen Legende hat Zhang Sanfeng, eine eher mythische als historische Figur, den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet. Die Schlange war so weich und beweglich, dass sie den geraden Stößen des Kranichs immer wieder ausweichen konnte, bis dieser schließlich aufgeben musste. Dies war für ihn die Inspiration, eine Kampfkunst zu entwickeln, die nicht auf Härte, sondern auf Weichheit beruht.

Unabhängig von den Entstehungslegenden beginnt die Geschichte des Tai Chi im 16. Jahrhundert bei General Qi Jiguang (1528- 1588). Dieser hat ein Buch geschrieben, in welchem er einen Kampfkunststil vorstellt, der seiner Meinung nach die besten Techniken aller ihm bekannten Stile beinhalten würde. Es wird nicht konkret von Tai Chi gesprochen, aber die Bewegungen, die Qi Jiguang schildert, weisen große Ähnlichkeiten mit den Bewegungen des Chen-Stils auf. Der Chen-Stil ist der älteste Tai Chi-Stil. Er wurde im 17. Jahrhundert erstmals erwähnt. Der General Chen Wangting (1597-1664) hat diesen Stil aus seinen Erfahrungen und seinem Wissen über die Kampfkünste konzipiert und als geheime Familientradition überliefert. Im 19. Jahrhundert geriet der Stil an die Öffentlichkeit, als das erste Nicht-Familienmitglied in dieser Kampfform unterrichtet wurde. Yang Luchan (1799-1872) lernte den Chen-Stil und erweiterte ihn durch seine eigenen Erfahrungen. Damit begründete er den Yang-Stil des Tai Chi. Dieser Stil ist heute der weltweit verbreitetste. Es folgten weitere Stilbegründungen. Gegenwärtig wird Tai Chi im Kontext der Familientraditionen in fünf Stile gegliedert:
Chen-Stil, Yang-Stil, Wu/Hao-Stil, Wu-Stil und Sun-Stil.

Grundlegende Prinzipien des Tai Chi

Tai Chi beruht auf der Idee des Gleichgewichts von Yin und Yang. Die polaren Kräfte ergänzen und bedingen einander. Auf Anspannung wird mit Entspannung reagiert, auf Geradlinigkeit mit Kreisbewegungen. Um immer die angemessene Reaktion zu ermöglichen, muss der Körper weich und beweglich sein, denn Härte ist starr und unbeweglich. Deswegen gilt als grundlegendes Prinzip eine natürliche und entspannte Haltung bzw. Bewegung auszuführen. Tai Chi führt den Körper zu dessen natürlichen Bewegungsmustern zurück und zielt auf verschleißarme Bewegungen, um die körpereigene Energie bestmöglich einzusetzen. Tai Chi ist eine ökonomische Bewegungskunst, mit der physische und psychische Prozesse programmiert werden können.

Das Aufbringen von Kraft ist zwar notwendig, soll aber auf ein Minimum beschränkt bleiben, damit man sich nicht verausgabt. Um dennoch eine große Kraft freisetzen zu können, werden andere Trainingsmethoden angewendet und andere Muskeln im Körper angesprochen, als dies im konventionellen Krafttraining der Fall ist. Das Ziel ist, eine elastische Kraft zu entwickeln, die über die Sehnen und Bänder generiert wird und damit den gesamten Körper zum Kraftzentrum werden lässt. Die Spiralkraft soll dazu dienen, möglichst viel Energie binnen kürzester Zeit freizusetzen. Experten gelingt es, diese „innere Kraft“ zu generieren, ohne dass ein von außen sichtbarer bestimmter Weg zurückgelegt werden müsste.

Tai Chi wird langsam geübt, um die Bewegungen und Haltungen korrekt auszuführen. Das langsame Üben ist zugleich ein intensives Muskeltraining und dient der Meditation. Explosive Bewegungen, schnelle Techniken oder akrobatische Elemente kommen je nach Tai Chi-Stil mehr oder weniger vor. Tai Chi lehrt, eine Bewegung immer vom Körperzentrum ausgehen und den ganzen Körper an der Bewegung teilhaben zu lassen

Es wird nicht gegen die Schwerkraft, sondern mit der Schwerkraft geübt. Jede aufrechte Bewegung oder Haltung ist im Normalfall ein Akt gegen die Schwerkraft, die den Körper unabänderlich nach unten drückt. Im Tai Chi geht es darum, diese nach unten wirkende Kraft für die eigene Bewegungssteuerung zu nutzen. Wäre unter uns nicht der Boden, würden wir uns in einem ständigen Fall befinden. Dieses Fallen findet im Körper statt. Alles, was ist, wird nach unten gedrückt bzw. gezogen. Diese fallende Energie ist erst nach längerem Training spürbar und kann genutzt werden, um äußerst kraftvolle Bewegungen auszuführen, denn die eigene Bewegung wird mit der Schwerkraft ausgeführt. Dies kann man sich so vorstellen wie ein Auto, das einen steilen Weg nach unten fährt. Man muss nicht Gas geben. Den Gang rauszunehmen ist ausreichend und das Auto rollt von alleine bzw. dank der Schwerkraft nach unten. Diese nach unten gerichtete Bewegung kann in ihrer Richtung verändert werden, so dass es möglich ist, ohne eigene übermäßig aufgewendete Energie Bewegungen und Haltungen auszuführen. Mithilfe der richtigen Entspannung ist es möglich, die Handbremse im Körper zu lösen und sich der Schwerkraft hinzugeben. Zu viel muskulärer Aufwand würde bedeuten, die Bewegungen im Körper abzubremsen – man würde mit angezogener Handbremse fahren.

Tai Chi als Kampfkunst

Praktiziert man Tai Chi vor dem Hintergrund der Kampfkunst, geht es darum, mit möglichst wenig eigener Energie einen oder mehrere Gegner außer Gefecht zu setzen. Dabei soll der gegnerischen Energie kein Widerstand entgegensetzt werden. Würde man auf eine Aggression mit Aggressivität antworten, würde die gesamte Situation verschärft werden und derjenige, welcher mehr „rohe“ Kraft entfalten kann, wird dominieren. Um dieser Tendenz vorzubeugen, wird im Tai Chi eine spontane Bewegungsqualität kultiviert, mit der es möglich ist, die Kraft des Gegners aufzunehmen und umzulenken. Außerdem kann eigene Kraft hinzugetan werden, wenn die Energie des Gegners ins Wirkungslose umgelenkt wurde. Statt mit einer bestimmten Technik auf einen bestimmten Angriff zu reagieren, wird eine intuitive Bewegung trainiert, die frei und ungezwungen entfaltet werden kann. Es gibt keine starren Muster, sondern nur Prinzipien, die der Körper lernen muss. Ein wesentlicher Punkt der Kampfkunst ist das Spüren der Absicht eines Gegners, bevor dieser seine Absicht in Taten manifestieren kann. So ist man stets einen Schritt voraus. Dafür gibt es das Prinzip des Klebens. Der Tai Chi-Adept bleibt am Körper des Gegners kleben, hat leichten oder gar keinen Körperkontakt und spürt durch diese Verbundenheit die kommenden Bewegungen und Absichten des Gegners. Durch passendes Timing kann er der Entfaltung der gegnerischen Energie vorbeugen, sie umlenken oder gegen ihn zurück richten und mit eigener Energie verstärken.

Tai Chi als Meditation

Mit Tai Chi wird eine heitere Gelassenheit angestrebt. Ziel ist es, den Dingen, denen man gegenübersteht, keinen Widerstand entgegenzubringen, sondern sie so anzunehmen, wie sie sind. Dies enthält eine direkte Verbundenheit zum Taoismus und der Forderung des Wu Wei – dem Handeln durch Nicht-Handeln. Ausgehend von der Beobachtung, dass der Mensch oftmals einen blinden Aktionismus praktiziert, wird die Idee formuliert, sich immer mehr von den Geschehnissen der Welt zurückzuziehen, um den Lauf der Dinge beobachten zu können. Durch das Nicht-Handeln bzw. Nicht-Eingreifen in den natürlichen Lauf der Dinge, erkennt man die Zyklen der Natur, das Wechselspiel von Yin und Yang und kann spontanen Handlungsimpulsen nachgehen. So wird einem zerstörerischen absichtsvollen Handeln vorgebeugt. Der Mensch lebt im Einklang mit der Natur und wird nur dann aktiv, wenn er mit dem Strom fließt, also einen bestimmten Zyklus erkannt hat. Diese Handlungsweisung kann nicht im Sinne einer strengen Lehre befolgt werden, sondern muss erfahren werden. Mit Tai Chi ist diese Erfahrung möglich, denn es zeigt, wie wenig der Mensch eigentlich tun muss, um sich dennoch kraftvoll und effektiv zu bewegen. Das Handeln durch Nicht-Handeln ist das Resultat eines Geisteszustandes, der von Ruhe, Ausgeglichenheit und innerem Frieden gekennzeichnet ist. Es gibt nichts mehr, gegen was gekämpft werden müsste. Es gibt nur doch das, was ist. Dieses reine Gewahrsein des Augenblicks wird im Tai Chi gefordert und gefördert.

Tai Chi als gesundheitliche Übung

Die langsamen und fließenden Bewegungen wirken sich positiv auf Körper und Geist aus. Tai Chi steht im Zusammenhang mit der Traditionellen Chinesischen Medizin. Deren Grundlage ist ein energetisches Menschenbild. Im menschlichen Körper gibt es mehrere Energiepunkte und Energieleitbahnen. Je nach Konstitution und Krankheitsbild können die Leitbahnen blockiert sein. Diese Blockaden führen zu den Symptomen einer Krankheit. Mit Tai Chi können die Blockaden gelöst werden – damit ist es möglich, Symptome und komplexe Krankheitsbilder zu lindern. Allerdings wirkt Tai Chi präventiv besser als therapeutisch. Klinische Untersuchungen haben ergeben, dass durch regelmäßiges Üben das Immunsystem und das Herz-Kreislauf-System gestärkt werden. Außerdem wird das Schmerzempfinden positiv beeinflusst. Das Gleichgewicht sowie die motorischen Kompetenzen verbessern sich. Die Körperkontrolle nimmt zu und Beweglichkeit und Kraft können bis ins hohe Alter erhalten werden. Die Konzentrationsfähigkeit und das Denkvermögen können ebenso verbessert werden.

Foto: www.taiji-europa.de

Über den Autor:

Christoph Eydt beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit ostasiatischen Kampfkünsten und Kampfsportarten. Dass die Kampfkünste nicht nur der Selbstverteidigung dienen, sondern auch einen praktischen Nutzen für die Lebensbewältigung haben, wurde ihm vor allem im Tai Chi Chuan bewusst. Da er selbst unter diversen Rückenproblemen litt und einem Beruf nachgeht, der eine immense Sitztätigkeit erfordert, weiß er um die Notwendigkeit verschleißarmer und entspannter Bewegungen. Tai Chi hat ihm nicht nur die Rückenprobleme genommen, sondern auch ein gänzlich neues Körperbewusstsein und Kraftverständnis ermöglicht. Dafür war jedoch kein strenges Trainingsprogramm erforderlich, sondern vielmehr die Steigerung der körperlichen Aufmerksamkeit und eine durch Tai Chi-Prinzipien optimierte Körperstruktur. Christoph Eydt machte seinen Alltag zum Tai Chi-Training und konnte so binnen kurzer Zeit körperliche Blockaden lösen und verborgene Kräfte freisetzen. Er unterrichtet Tai Chi Chuan als nicht-kommerzielles Einzeltraining einem ausgewählten Schülerkreis.