Costa_Rica-Poas

Zunächst einmal ist Costa Rica bunt. Tiefgrün und bunt. Der vielleicht unmittelbarste Eindruck, den die „reiche Küste“ im Herzen Zentralamerikas hervorruft, ist ihr Farbenreichtum. Nicht erst Flora und Fauna im ausgedehnten Regenwald vermitteln üppige optische Pracht. Schon San José, wo wir landen, um das Land zwischen Nicaragua und Panama, zwischen der Karibik und dem Pazifik drei Wochen lang zu erkunden, wirkt irgendwie bunt.

Die Stadt des „Heiligen Josef“ hat keine sehr lange Geschichte. Noch vor 200 Jahren stand hier nichts weiter als ein unauffälliges kleines Dorf. Erst im Dezember 1848 wurde San José gegründet. Hundert Jahre später lebten gerade einmal 85.000 Menschen in der Stadt. Heute verursachen 350.000 „Ticos“ und mehr als eine Million Menschen aus dem Großraum San Josés regelmäßig ein Verkehrschaos erster Klasse. Wie es sich für ein aufstrebendes Ballungszentrum des 21. Jahrhunderts eben gehört.

Dröhnend und stinkend kriechen die blecheren Riesenschlangen durch den Großstadtdschungel, herein aus dem Valle Central in dessen Zentrum und bald wieder zurück hinaus in die Hochebene. Manche steuern die Fabriken für Computerchips an, die die Wirtschaft Costa Ricas ebenso beleben wie der Ananas-Export. Andere winden sich eifrig für den Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle des Landes.

Zweifellos hat das kunterbunte Durcheinander in der Hauptstadt Costa Ricas Charme. Etwas Heiteres, ausgelassen Jugendliches liegt in der Luft, gemütlich weit entfernt von den nüchternen Sachzwängen und der kalten Hektik, die westliche Metropolen häufig dominieren.

 

Nebel über den Kratern

Costa Rica ist bunt und warm.

Nur wenige Kilometer außerhalb von San José liegt der 2.700 Meter hohe Vulkan Poás. Er ist anhaltend aktiv und beherbergt zwei Kraterseen. Der nördliche davon wurde durch seine intensiv türkisblaue „Laguna Caliente“ weltbekannt. Und weil eine asphaltierte Straße fast bis an den Kraterrand führt, gilt dieser Vulkan als touristisches Muss für Jung und Alt. Obwohl der gute Poás, was emotionale Ausbrüche anlangt, insgesamt wohl für mehr Enttäuschung als Erstaunen sorgt. Denn meist ist von dem farbenprächtigen Säuresee nichts oder nicht viel zu sehen. Üblicherweise behindert Nebel schon am frühen Vormittag die Sicht hinab in die schillernde Tiefe. Aber ein Versuch lohnt sich. Zudem kann ein Spaziergang in dieser Höhe auch im Nieselregen ein Vergnügen sein. Oder wenigstens ein nachhaltiges Erlebnis. –

Der höchste und mächtigste Vulkan Costa Ricas ist der „zitternde, donnernde Berg“ Irazú. Ihn umgibt der älteste, schon 1955 gegründete Nationalpark des Landes. An seinem Fuß liegt die 150.000-Einwohner-Stadt Cartago. Die ehemalige Hauptstadt des Landes wurde 1563 von den Spaniern als erste Siedlung der „reichen Küste“ gegründet. 1723 zerstörte Cartago ein gewaltiger Ausbruch des Irazú, und auch dieser Vulkan ist bis heute aktiv. Während einer besonders starken Eruptionsserie, die sich über zwei Jahre erstreckte, ging 1963 über Cartago und San José ein Ascheregen nieder. Der bislang letzte große Ausbruch ereignete sich an der Nordwand des Kraters erst vor etwa 20 Jahren, 1994.

Neben dem Poás und dem Irazú umfassen die vulkanischen Bergketten der Cordilleras noch einige weitere aktive oder erloschene Vulkane. Sie alle sind Zeugen der im wahrsten Wortsinn bewegten geologischen Entstehungsgeschichte des Landes: Vor etwa 100 Millionen Jahren formte sich durch Subduktion zweier Kontinentalplatten – die Cocos-Platte schob sich unter die Karibische Platte – eine Kette von Vulkaninseln, die sich durch das Abtragen der Vulkanhänge und die Anhebung des Meeresbodens langsam verbanden. Diese Bewegungen sorgen bis heute für leichte Erdbeben, die in Costa Rica regelmäßig registriert werden.

 

Statuen auf dem Waldstein

Wer in Cartago Halt macht, sollte die berühmte „Basílica de Nuestra Señora de Los Ángeles“ besuchen. Diese wichtigste Kirche Costa Ricas wirkt trotz ihrer Dimensionen im Inneren beeindruckend leicht und hell. Bekannt ist sie wegen „La Negrita“, einer schwarzen Madonna, der besondere Heilkräfte zugesprochen werden.

Der Legende nach fand Juana Pereira, ein indianisches Mädchen, das nach Feuerholz suchte, am 2. August des Jahres 1635 auf einem Stein im Wald eine kleine Statue. Juana nahm sie als Puppe mit nach Hause und legte sie in eine Schatulle. Am nächsten Tag wanderte sie wieder zu dem Stein und fand dort zu ihrer großen Überraschung eine ganz gleich aussehende Statue. Juana freute sich nun zwei Puppen zu haben und wollte daheim die zweite zur ersten legen, aber die Schatulle war leer. Am dritten Tag fand das Mädchen an dem besagten Ort im Wald abermals die gleiche Statue, und zu Hause abermals eine leere Schatulle. Verstört suchte Juana Hilfe bei einem Priester. Diesem erging es ähnlich: Er nahm die Statue von dem Stein im Wald und verwahrte sie im Tabernakel seiner Kirche. Aber auch von dort verschwand sie auf geheimnisvolle Weise, um ihren angestammten Platz wieder einzunehmen. Für den Priester war nun klar, dass die „Heilige Jungfrau“ auf dem Stein im Wald verweilen will. Und so wurde entschieden, an diesem Platz eine kleine Kirche zu bauen.

Diese wurde bald durch eine größere ersetzt und 1912 schließlich die heutige Basílica de Nuestra Señora de Los Ángeles errichtet.

Am 2. August jeden Jahres pilgern Hunderttausende Gläubige hierher und erhoffen sich Hilfe aus dem spirituellen Himmel. Aber der Glaube klammert sich nicht nur an dieses Datum. Praktisch zu jeder Tageszeit bewegen sich alte und junge Menschen auf ihren Knien, inbrünstig versunken im Gebet, den Gang entlang in Richtung Altar, begleitet von sanfter Volksmusik und fotohungrigen Touristen.

Costa Ricas Bevölkerung ist überwiegend christlich, mehr als drei Viertel bekennen sich zur römisch-katholischen Kirche. Und offenbar wirkt der Glaube an die schwarze Madonna tatsächlich regelmäßig Heilungswunder. Davon zeugen die in den Kellergewölben der Basilika verwahrten Dankbekundungen: Silberne Anhänger, die Gliedmaßen und Organe darstellen, Hände und Beine, Augen und Ohren, Herzen und Bäuche.

In der Religion vereinen sich Natur und Kultur.

 

Türme über dem Regenwald

Wir haben die Kultur weitgehend hinter uns gelassen. Es ist 5 Uhr morgens und noch dunkel. Nur die Stirnlampe beleuchtet bei diesem Marsch durch den Dschungel Farne und Bäume, Ameisen und Spinnen und vor allem den Weg, der über eine Hängebrücke direkt in den Regenwald geführt hat. Unsere Gruppe, überwiegend Biologen, wurde dazu angehalten, sorgfältig auf jeden Schritt zu achten. Sich irgendwo einfach festzuhalten ist in diesem Umfeld nicht empfehlenswert. Beispielsweise könnten Baumstämme Dornen haben. Und würde eine der zweieinhalb Zentimeter großen „24-Stunden-Ameisen“ zustechen, wäre für ihr Opfer der Tag gelaufen. Die Attacke der kleinen Riesen hinterlässt zwar keine Schäden im Gewebe, ist aber extremst schmerzhaft. 24 Stunden lang. Nomen est omen.

Unser Ziel sind zwei der insgesamt sechs etwa 40 Meter hohen Beobachtungstürme der biologischen Forschungsstation von La Selva in den „Lowlands“ von Costa Rica. Von dort aus wollen wir den Sonnenaufgang und das Erwachen des Waldes miterleben. Den sich steigernden Gesang der Vögel. Das Brüllen der Affen. Das Rauschen der Wipfel. Die aus dem Licht des jungen Morgens anmutig explodierenden Farben.

Die Forschungsstation wurde 1954 vom US-amerikanischen Botaniker Dr. Leslie Holdridge (1907–1999) gegründet – in einer Zeit, als in Costa Rica noch die Äxte der Holzfäller den Ton angaben und kaum jemand an den Schutz des Regenwaldes dachte. Holdridge kaufte damals das Land, um Baumkulturen zu erforschen, mit denen nachhaltig gewirtschaftet werden kann. Heute stehen der gemeinnützigen „Organisation für Tropische Studien“ (OTS) in La Selva 1.600 Hektar tropischer Regenwald für eine systematisch Erforschung zur Verfügung. Beispielsweise werden der CO2-Haushalt untersucht sowie die Zusammenhänge von Pflanzenwachstum und Wasserhaushalt, die Auswirkungen des Klimawandels auf Vogelpopulationen und Mikroorganismen und so weiter. Einige der insgesamt 300 Wissenschaftler, die jedes Jahr in La Selva forschen, verbringen ihr halbes Leben hier. Mit Dutzenden Publikationen und jährlich 100 Ökologie-Kursen gilt die Station als eine der produktivsten weltweit.

Und wie überall in Costa Rica spielt auch in La Selva der Öko-Tourismus zunehmend eine Rolle. Klar: Die teilweise betonierten Wege, auf denen die Forscher in den Regenwald radeln, um ihre Studien durchzuführen, eignen sich genauso gut für Hobby-Botaniker, Ornithologen oder einfach Naturliebhaber. So bequem wie hier lassen sich Aras, Amazonen, Affen und Leguane, Tukane, Spechte, Frösche und Faultiere, Schildkröten und – mit etwas mehr Glück – auch Schlangen, Agutis und Tayras kaum irgendwo sonst beobachten.

Touristisch weniger geeignet sind die Beobachtungstürme. Auf ihren schmutzigen, glitschigen Leitern kraxeln wir jetzt – angeseilt und mit Schutzhelm ausgerüstet – dem über den Bäumen beginnenden Morgen entgegen.

Das Abenteuer ist jede Mühe wert. Eine rasch von intensivem Rosa und Orange zu zartem Weiß wechselnde Farbenflut ergießt sich mit der hochsteigenden Sonne über die Wipfel. Die Artenvielfalt, in der sich das Leben unter uns entfaltet, ist unbeschreiblich: Mehr als 700 Baumarten wurden hier bereits dokumentiert, über 500 Vogel- und 5.000 Schmetterlingsarten und jede Menge Säugetiere: 65 Fledermausarten beispielsweise, 16 Nagetierarten, Ameisenbären, Tapire, Kleinbären, Fischotter, Skunks, Schlangen und und und. Wer weiß, was alles noch nicht dokumentiert werden konnte!

Aber Costa Rica ist nicht nur für Zoologen, sondern auch für Botaniker ein farben- und formenprächtiges Paradies … der orangefarbene Korallenbaum, der rot blühende afrikanische Tulpenbaum, der lila Jacaranda, der weiße Orchideenbaum – oder beispielsweise Socratea, die wandernde Palme. Ihr sagt man nach, sich über die Jahrzehnte tatsächlich mehrere Meter weit fortbewegen zu können, indem sich zunächst ihr Wipfel zur Seite neigt – dorthin, wo es im Wald mehr Licht gibt –, worauf sich an dieser Seite Wurzeln anbauen und dafür auf der anderen Seite welche lösen. Die Wurzelverzweigungen der Socratea beginnen etwa einen Meter über der Erde, und der Eindruck, die Palme würde instabil auf dünnen, teils gekappten Stelzen stehen, ist auch für ärmliche botanische Nachhilfeschüler wie mich absolut faszinierend. Allerdings bezweifeln einige Forscher, dass der Baum tatsächlich wandert, weil Versuche, dieses Verhalten zu beobachten, bisher fehlgeschlagen sind.

Helles Sonnenlicht erfüllt bereits den Regenwald. Beglückt haben wir die Beobachtungstürme wieder verlassen und durchstreifen in mehreren Wanderungen einen kleinen Teil des insgesamt 61 Kilometer langen Wegenetzes der Forschungsstation. Leise lauschend, zunehmend hellhörig und mit geschärftem Blick. Mit dem Tagesanbruch hat auch der Wettbewerb der Spektive und Objektive begonnen. Denn unter uns sind einige hervorragende Fotografen, die weder Zeit noch Mühe scheuen, den detailreichsten Blick auf die Wunder der Natur zu erhaschen. Sie alle waren schon mehrmals hier und wissen, dass der Spaß erst bei Brennweiten um die 400 Millimeter beginnt.

Richard Kunz, unser Reiseleiter, schleppt Tag für Tag sein 600-mm-Objektiv auf dem Stativ durch den Dschungel. Das lichtstärkste Monstrum in dieser Kategorie, das es gibt. Er ist nicht nur Biologe, ehemaliger Lehrer (10 Jahre an der österreichischen Schule in Guatemala), passionierter Abenteurer und Schlangenfänger, sondern auch ein ganz großer Naturfotograf. Sein umfangreiches Bildarchiv, das während bisher 25 Costa-Rica-Reisen entstand, ist eine Sammlung atemberaubender Meisterwerke und weltweit mit Sicherheit einzigartig.

Vor allem ihm und einigen lokalen Guides haben wird es zu verdanken, dass unsere Blicke im Regenwald oft und oft genau zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort gelenkt werden: Zu den Brüllaffen, die morgens manchmal schon ab halb fünf Uhr Radau machen; zum Leguan im Hochzeitskleid, der sich hoch oben auf einem Ast sonnt; zur Motte, die sich gekonnt als Blatt tarnt; zur Raupe, die täuschend echt eine Schlange imitiert; zu den Spinnen, Käfern, Pfeilgiftfröschen und Tausendfüßern. Oder zu der meterlangen dünnen Baumschlange, die in der Abenddämmerung wohl jeder von uns übersehen hätte, jetzt aber in Richards Hand Geduld zu üben hat – so lange, bis alle Fotografen zufrieden sind. Ob sie giftig war? Nein, die Fotoanalyse beweist es.

Als nächstes wird Richard uns hinauf in den Nebelwald führen, in die „Highlands“ Costa Ricas. In die Heimat des außergewöhnlichsten Vogels, den das Land zu bieten hat: den legendären Quetzal.

Werner Huemer

(Fortsetzung folgt)

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