Costa-Rica_Quetzal

Regina, meine Frau und private Biologie-Nachhilfelehrerin, hat soeben ihre persönliche Pflanze entdeckt: Die Aechmea mariae-reginae versprüht mit ihren rosa Hochblättern tropischen Charme. Ein prächtiger „Schauapparat“, wie Botaniker ein wenig technokratisch das bezeichnen, was auch Fachunkundigen besonders schön ins Auge springt. Blüten aus der unerschöpflichen Vielfalt des Lebens.

Das Naturparadies Costa Rica ist für Biologen eine gefährliche Droge. Denn der fachlich sondierende Blick findet auf Schritt und Tritt neue Wunder und neue Rätsel. Und die Analyse zeigt, dass nur ein kleiner Teil dessen, was hier blüht und gedeiht oder kreucht und fleucht kartiert oder klassifiziert ist. Gerade eben staunt Regina beispielsweise über ein Wintergrün. Laut Lehrbuch sollte Chimaphila umbellata nur in Europa und Russland verbreitet sein. In Costa Rica fühlt sich die Pflanze trotzdem sehr wohl.

Die klimatischen Verhältnisse sind günstig. Das von den Spaniern einst als „reiche Küste“ bezeichnete Land offenbart auch heute noch einen unermesslichen Reichtum an Pflanzen und Tieren. Was ein kleines Wunder ist. Denn in den 1980er Jahren waren in Costa Rica bereits etwa 80 Prozent des Regenwaldes gerodet worden.

Zum Glück konnte die kurzsichtig dumpfe Holzfällerei eingebremst werden. Heute sind wieder mehr als 50 Prozent des Landes mit Wald bewachsen und der Ökotourismus wird gezielt gefördert: Etwa 27 Prozent der Landfläche stehen unter Naturschutz, es gibt 26 Nationalparks, etwa 160 Schutzgebiete und bereits über 1,5 Millionen Touristen pro Jahr, die Richtung Regenwald steuern oder zu anderen ökologisch ansprechenden Zielen.

Wir gehören zu ihnen. Unter der Leitung des Grazer Biologen Richard Kunz erkunden wir drei Wochen lang Fauna und Flora des Landes.

Momentan auf etwa 2.500 Meter Seehöhe im Nebelwald Costa Ricas.

 

Quetzale und der Trick mit dem Spektiv

Einige sensationelle Eindrücke aus den vergangenen Tagen haben sich bereits fest in der Erinnerung verankert: Wir konnten Erdschildkröten, Pekaris, Leguane und Klammeraffen erleben, zeitlupenflinke Faultiere und farbenprächtige Kolibris, die „fliegenden Juwelen“. Und einmal einen seltsamen Nager, die für mich wie ein rehgesichtiges Hasenschwein aussah, zoologisch korrekt Aguti genannt. Wir trafen Frösche, die Blue Jeans tragen und sahen Ferraris durch die Lüfte zischen.

Ernsthaft: Den Blue-Jeans-Frosch gibt es wirklich, und der „Passerini tangare“ wird wegen seines leuchtend roten Bauchs von Ornithologen bisweilen als „Ferrari“ bezeichnet. Was auch deshalb naheliegend ist, weil die meisten Vogelkundler Männer sind. Aber ihr gemeinsamer Jagd- und Sammeltrieb ist ordentlich kultiviert. Für einen „Abschuss“, also eine Sichtung, reicht es ihnen schon, dass ein Vogel nur gehört worden ist. Und wenn beispielsweise einer aus der Ornithologen-Gemeinde den „Ferrari“ geortet hat, dann gilt diese Sichtung auch für jeden anderen in der Gruppe.

Indes stehen Fotografen dem Prinzip „Einer für alle – alle für einen“ eher fern. Für sie zählt letztlich vor allem der eigene Schuss, das eigene Werk, der sorgsam selbst komponierte Blickwinkel auf die Vielfalt des Lebens.

Für das frühmorgendliche Abenteuer, das nun vor uns liegt, werden Ornithologen und Fotografen freundlich, aber bestimmt um den besten Standort rittern. Mit Hilfe eines örtlichen Guides wollen wir den berühmtesten Vogel Costa Ricas beobachten: den Quetzal, dessen prachtvolle, bis zu einen Meter lange Schwanzfedern präkolumbianischen Priestern als Kopfschmuck dienten und dessen Tötung einst mit dem Tode bestraft wurde.

Die Lodge, in der wir genächtigt haben, existiert, wie zahlreiche andere Lodges in der Nebelwald-Region, vor allem wegen dieses 35 Zentimeter langen grün- und scharlachrot gefärbten Vogels. Es gibt ihn nur in Mittelamerika, wo er seine Bruthöhlen in morsche Bäume gräbt. Wenn überhaupt, dann lässt sich der Quetzal dort am ehesten von hinten beobachten. An diesem frühen Morgen aber erwarten wir die von den Azteken als Gottheiten verehrten Vögel sozusagen auf Augenhöhe. Sie sollen sich auf leicht einsehbaren, schattigen Ästen vor uns niederlassen und geduldig posieren. Natur im kameragerechten 16:9-Format – das ist natürlich ein hoher Anspruch an das Glück. Aber wir sind guten Mutes, dass Joel, unser Guide, uns dazu verhelfen wird.
Tatsächlich dauert der Marsch nicht lange, und schon ruft er leise, Aufmerksamkeit gebietend: „A male. He’s coming!“

Schweigend und routiniert wurden zuvor schon die Spektive und Stative aufgebaut, jetzt klicken die Auslöser. Das sind jene spektakulären Momente, die alle Investitionen in sündteure optische Krücken rechtfertigen. Wer Besitzer eines Objektivs mit entsprechender Brennweite ist, wird stolz bildfüllende Aufnahmen präsentieren können, von denen Otto Normalfotograf nur träumen kann.

Oder? – „iphone? Small cameras?“ Joel durchmustert unsere Gruppe und winkt, ihm solche Geräte zu überlassen. Ich gebe ihm mein Mobiltelefon. Er hält es in einem bestimmten Winkel an sein Spektiv, zoomt das Bild etwas heran und schafft es mit diesem Trick, eine ordentliche Quetzal-Nahaufnahme auf das iPhone zu zaubern. Nicht ganz so scharf wie mit einem Teleobjektiv, aber immerhin. Mir selbst gelingt das allerdings auch nach Dutzenden Versuchen nicht oder nur zufällig. Joel lacht über meine vergeblichen Bemühungen, konzentriert dann seinen Blick gleich wieder auf den Wald, ahmt passendes Gezwitscher nach und hat bald das nächste Männchen ausgemacht.

Fazit des Morgens: Wir konnten den prachtvollen „Freiheitsvogel“, von dem die Legende behauptet, dass er sich in Gefangenschaft selbst tötet, tatsächlich in freier Natur beobachten. Natürlich erhält der Quetzal einen Ehrenplatz im Kino der Erinnerung!

Unsere nächste Wanderung führt noch weiter hinauf in den Nebelwald, über märchenhafte Pfade zu mächtigen Eichen und mächtigen Mücken, die wir uns mit improvisierten Palmblatt-Fächern vom Leib halten. Typisch für diesen Wald sind die zahlreichen epiphytischen Pflanzen – Flechten, Moose, Bromelien, Orchideen …

 

Über den Todespass hinab zur Küste

Der weitere Reiseweg befördert uns rasant bergab – 3.000 Meter Höhenunterschied in 3 mal 30 Minuten. Wir steuern die Pazifik-Küste Costa Ricas an.

Unsere Route führt über den berüchtigten Todespass. „Cerro de la muerte“ wird dieses Straßenstück genannt, wo häufig dichter Nebel lagert und Unfälle provoziert. Kreuze am Straßenrand zeugen vom Schicksal zahlreicher Autofahrer, die hier ums Leben kamen. Passend als Ergänzung zu den Kreuzen wirbt ein Grabstein-Händler für sein Geschäft. Er dürfte wohlhabend sein.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, muss an dieser Stelle fairerweise erwähnt werden, dass die Hauptverbindungsstraßen in Costa Rica inzwischen bestens ausgebaut sind. Die hartnäckigen Gerüchte, dass man in diesem Land neue Reifen ebenso oft benötigt wie eine Flasche Wasser, treffen vielleicht noch für einige schlecht erschlossene Gebiete zu, sind im allgemeinen aber Schnee von gestern.

Auch die kühlen Temperaturen, die uns im Nebelwald eher an europäische Spätherbsttage als an die Tropen erinnert hatten, schmelzen nun dahin. Als wir nach einer angenehmen Fahrt, die ein schönes Stück entlang des naturbelassenen Rio General führt, in Sierpe ankommen, um vom Kleinbus in ein Boot umzusteigen, verdeutlichen uns massive Schweißausbrüche sehr genau, dass wir uns in einem Land befinden, das zwischen 8° und 11° nördlicher Breite liegt, also nicht weit entfernt vom Äquator. In einem herrlich ursprünglichen Land, das politisch aber eines der fortschrittlichsten Lateinamerikas ist. Bereits in den 1950er Jahren führte in Costa Rica eine mutige, richtungweisende Entscheidung zu einer bemerkenswerten Kurskorrektur: Das Militär wurde abgeschafft, die dadurch frei werdenden finanziellen Mittel gezielt in Bildungs- und Gesundheitsprogramme investiert. Statt Abfangjägern durchkreuzen hier prächtige Vögel die Lüfte, die Demokratie ist stabil, das Bildungsniveau verhältnismäßig hoch. Mit nur etwa 4 Prozent Analphabeten hat Costa Rica die zweitniedrigste Quote Mittelamerikas.

Die zweite wichtige politische Weichenstellung in den vergangenen Jahrzehnten war zweifellos die Schärfung des ökologischen Bewusstseins. Die Rodungen im Regenwald konnten eingeschränkt, Schutzgebiete und Nationalparks errichtet werden. Die ursprünglich noch schwache Nationalparkverwaltung des Landes, die zu wenig Personal und finanzielle Mittel besaß, um Regenwaldflächen zu schützen, erhielt durch die Privatinitiative „Regenwald der Österreicher“ wertvolle Unterstützung.

Heute legt schon der Schulunterricht großen Wert auf das Thema Ökologie. Und das steigende Umweltbewusstsein hat Auswirkungen auf den Alltag. Beispielsweise wird fast überall Mülltrennung praktiziert, und mehr als 90 Prozent der Energie stammt aus regenerativen Quellen. Eine wichtige Grundlage der Umweltpolitik ist die „Initiative Frieden mit der Natur“, mit der Präsident Oscar Arias 2007 der Umweltzerstörung radikal entgegen trat. Bis 2021, wenn Costa Rica seinen 200. Geburtstag feiert, soll das Land als erster Staat der Erde eine ausgeglichene CO2-Bilanz erreichen.

Diese erfreuliche Ökologisierung geschieht wohl nicht nur aus Idealismus. Denn als zentraler Wirtschaftsfaktor spült der Öko-Tourismus jährlich bereits Einnahmen von etwa 1,5 Milliarden (!) Dollar in die Kassen des Landes.
Glücklicherweise ist von diesem Boom im Alltag nicht übertrieben viel zu bemerken. Zwar werden Naturerlebnisse bisweilen schon fast wie Supermarkt-Artikel angepriesen – geführte Touren zu Schlangen oder Rotaugenfröschen sind beispielsweise um etwa 30 Dollar zu haben –, aber es gibt trotzdem jede Gelegenheit, die üppige Flora und Fauna des Landes auch in ihrer unberechenbaren Spontaneität zu erleben. Und Disneyland-Charakter hat Costa Rica definitiv nirgendwo. Selbst in der attraktiven Trockenzeit von Dezember bis April (die Regenzeit wird touristisch geschickt als „grüne Saison“ bezeichnet) sind die zahlreichen Naturschauplätze nicht wirklich überlaufen.

 

Palmen, Mangroven und Strand-Krokodile

Vorbei an Mangrovenwäldern hat uns das 200 PS starke Boot in einstündigem Flug über das Wasser von Sierpe nach Bahia Drake gebracht. Hier erwartet uns ein Sandstrand mit Palmen wie aus dem Bilderbuch der Urlaubsträume.

Costa Rica in Reinkultur. Weit und breit keine All-inclusive-Hotels mit drei, vier, fünf oder wer weiß wie vielen Sternen, überhaupt keine Hotels, sondern einfache, eher schon spartanische Lodges. Auch weit und breit keine Touristenströme, keine Strandliegen-Friedhöfe oder stinkenden Autokolonnen. Nur dann und wann ein einsamer Reiter, der sein Paso Fino gemütlich im Tölt über den Sand traben lässt. Kokospalmen mit Hängematten und herrlich warmes Wasser.

Der Pazifik hat hier das ganze Jahr über etwa 28 Grad. Paul, ein Biologe aus unserer Gruppe, geht gerade mit dem Thermometer baden – und misst 32 Grad, Thermentemperatur! Wer Glück hat, kann beim Baden oder Schnorcheln nicht nur zahlreiche Fische, Krebse und Strandläufer beobachten, sondern sogar einem jungen Krokodil begegnen. Fallweise verirren sich solche Tiere aus den Mangroven hierher. Sie gelten als scheu und ungefährlich. Größere Exemplare, versichert uns der Besitzer der „Rancho Corvocado“, die uns für einige Tage beherbergt, werden vorsorglich gefangen und abtransportiert.

Bahia Drake führt seine Besucher auf das einfache, ursprüngliche Leben in den Tropen zurück. „Downtown“ besteht im Wesentlichen aus einem Lebensmittelladen, einer Pizzaria, einer Eisdiele, einer Bar und wenigen weiteren Häusern. Autos gibt es in dieser Gegend kaum. Nur ein paar junge Motorradfahrer fegen stolz über die staubige Straße oder sind damit beschäftigt, ihre Maschinen im Fluss zu säubern. Dort und da bauen Männer an Holzhütten, neue Ein-Stern-Lodges entstehen, für die sich hoffentlich ein paar Öko-Touristen finden werden. Polizei patrouilliert hier keine, kriminelle Aktivitäten sind kaum bekannt … noch. Denn es ist nicht auszuschließen, dass die Probleme zunehmen. Ein Schweizer Tourist erzählt, dass ihm in Costa Rica kürzlich sein Leihauto samt allen persönlichen Wertgegenständen gestohlen wurde. Allzu naive Sorglosigkeit ist demnach wohl nicht angeraten.

Besucher aus dem Landesinneren reisen meist per Boot nach Bahia Drake. Anlegesteg gibt es keinen; man landet durchwegs „nass“, watet die letzten Meter also barfuß an Land. Anderes ist auch nicht zu erwarten von einem Naturparadies, in dem touristisch Pionierarbeit geleistet wird.

Die Küche der „Rancho Corcovado“ ist indes bereits „High End“ – landestypisch und äußerst vielseitig. In der Früh wird neben Toast und Kaffee das Nationalgericht Costa Ricas serviert, Gallo Pinto: gebratener Reis mit schwarzen Bohnen und Eiern. Mittags und Abends gibt es frischen Fisch, köstliche Fleisch- und Nudelgerichte und immer wieder Früchte: Bananen (roh, gebacken, gebraten und als Chips) köstlich süße Ananas-Scheiben, Mangos, Papayas, Melonen … Da bleibt kein Wunsch offen.

So gestärkt werden wir uns nun auf eine Inselrundfahrt begeben und dabei die Unterwasserwelt erkunden. Und danach Costa Ricas Fauna bei Nacht.

Werner Huemer

(Fortsetzung folgt)

Hier finden Sie den ersten Teil dieser Reisereportage

Neugierig geworden? Erleben Sie Costa Rica auf BluRay! In unserem Shop finden Sie die „Golden Globe“-Dokumentation „Costa Rica“ (92 Minuten) auf DVD und BluRay!

Außerdem die DVD „Costa Rica mit Bonusfilm Kuba“

Wir liefern deutschlandweit binnen 2 Tagen – portofrei!